FRIKTIONEN

 

Nr. 308

Autobahnen wurden zuerst in Amerika und Deutschland gebaut, damit Automobile unbehindert von langsameren Fahrzeugen, von Kreuzungen oder Ortsdurchfahrten vorwärts kommen. Fährt man nun aber zu Beginn des Hochsommers oder am Montagmorgen auf der A 9 in den Süden oder der A 2 in den Westen, dann wird das eigene Automobil durch unzählbare weitere Automobile behindert. Manchmal sitzen Rentner am Weg und zählen die unzählbaren Vehikel. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen: jede Erfindung oder Verbesserung schafft neue Probleme. Das Doppelparadox des Automobils besteht darin, dass es, je weniger Autos es gibt, desto ungerechter zugeht, je mehr Autos es dagegen gibt, desto undurchdringlicher und ungerechter wird der Verkehr. Das ist sogar ein klassisches Dilemma, und je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass das ganze Leben ein Dilemma ist. Und je mehr man über diesen schönen Satz nachdenkt, desto mehr kommt man zu dem Schluss, dass er genau die Mitte bildet zwischen dem philosophischen – ein Problem mit zwei gleich schlechten Lösungen – und dem Alltagsbegriff – ganz allgemein eine ausweglose Lage. Das zweite Paradox: je stärker ein Automobil ist, desto größer ist die Abhängigkeit von ihm. Der zweite Schluss jedoch ist beinahe noch interessanter: sobald wir uns auf einen Weg machen, einen Entschluss verwirklichen, eine Aufgabe lösen, ein Leben leben, stoßen wir auf Schwierigkeiten, die wir vorher nicht kannten und absehen konnten. Umgekehrt heißt dies: dass man ständig Erfahrungen macht, die man dann nie wieder braucht.

Es besteht sogar die Gefahr, dass wir diese Erfahrungen als zusätzliche Behinderung empfinden könnten: Wir gehen einen neuen Weg, wir stoßen auf unvorhersehbare Schwierigkeiten und versuchen, sie mit alten Mitteln zu lösen. Am bittersten empfinden wir diese aufgetürmten Probleme, wenn wir mit anderen Menschen zusammen Probleme oder Aufgaben lösen, mit denen wir uns erfahrungsgemäß gut verstehen, die aber plötzlich nicht mehr mitmachen wollen oder können. Menschen, überhaupt Lebewesen, verfügen nicht nur über rationale, seit dem neunzehnten Jahrhundert weit überschätzte Lösungsalgorithmen, sondern auch über emotionale, tief eingegrabene Spuren. Beide können sich befördern und befeuern, gemeinsam wirken, aber natürlich auch gegenseitig behindern. Der schlimmste Fall einer solchen Behinderung ist die Spaltung, zum Beispiel die Schizophrenie. Andererseits ist jedes Schisma auch eine Konfliktlösung, denn oft genug wird die Spaltung des gegnerischen Schädels als eine Lösung angesehen.

Immer wieder entstehen, ob nun aus Spaltungen oder neuen Ideen, neue Parteien oder Bewegungen. Der Gedanke ihrer Gründung mag gut sein, vor allem gut gemeint, aber sobald sie die ersten Schritte machen, müssen sie zwangläufig stolpern, schlittern und scheitern Sie müssen, ob sie es wollen oder nicht, sich einerseits den Gepflogenheiten, die sie gerade bekämpfen wollten, anpassen, und andererseits einen großen Teil ihrer Ideen und ihrer Energie für den Machterhalt abstellen. Deshalb kann nur Politiker werden, wer Machtmensch ist. Genau das kann ihm später schlecht vorgeworfen werden.  Wir anderen folgen diesen Machtmenschen so sehr, dass wir selbst in der Demokratie alle Leistungen und alle Fehler immer mit einer Person in Verbindung bringen oder die Führungsperson ausdrücklich ausnehmen, wenn es um Fehler geht. Wir haben ein Bild der Welt, die von Menschen gemacht ist, und vergessen, dass  auch das Bild von Menschen gemacht ist.

Ein großer Teil des Risses, der heute durch die Welt geht, ist in Wirklichkeit ein gerissenes Bild. Noch vor hundert Jahren waren  drei Viertel aller Menschen Analphabeten, heute hat die Hälfte der Menschheit ein Smartphone. Nicht mehr der eigene Augenschein und eine überschaubare Ideologie entscheiden über die Glaubhaftigkeit, sondern Dutzende und Aberdutzende atomisierte und sich überschneidende und widersprechende Informationen. Auf der einen Seite gibt es ein Festhalten an archaischen Glaubenssätzen, auf der anderen Seite aber sekundenschnell wechselnde Informationsschnipsel. Die Medien müssen auch dann etwas berichten, wenn gar nichts passiert ist. Wir kehren zu unserem Anfangsgedanken zurück: am Morgen betritt ein missgelaunter Redakteur seine Arbeitsstätte, aber es liegt keine Nachricht vor, er hat auch keine Idee für ein Portrait oder einen Kommentar. Man muss gar nicht behaupten, dass er sich jetzt einen Mord ausdenkt, aber er wird etwas irrelevantes zu etwas relevantem zu machen versuchen. Vielleicht hat er Glück und seine Leser verlangen nur den zwölften Aufguss der Nachrichten von vorgestern. Wir vergessen zu leicht, dass es keine Staatsmedien mehr gibt, sondern dass eine Zeitung oder eine Fernsehsendung eine Ware ist, die verkauft wird. Natürlich gibt es staatsnahe Journalisten, es gibt ja auch staatsnahe Leser.

Diese überproportionale Personalisierung der Politik, die tatsächlich ein fast unentwirrbares Geflecht aus sich oft widersprechenden Kompromissen und nicht die einmalige Leistung eines einmaligen Politikers ist, und diese Monopolisierung eines Informationsmediums, das in Wirklichkeit ein Teppich oder ein Fluss aus vielen unwichtigen, nebensächlichen, redundanten oder vielleicht auch lebenswichtigen Nachrichten, Kommentaren, Bildern, Portraits besteht, sind ein großer Teil unseres Problems.

Wann haben wir das letzte Mal eine für uns lebenswichtige Nachricht gehört? Wann kam in welchem Fernsehsender etwas, das uns bis auf die Grundfesten erschüttert und zu gänzlich neuem Handeln befähigt hat? Nichts ist schädlicher als das Fernsehen, weil es Nähe suggeriert, obwohl es – richtigerweise – Fernsehen heißt und ist. Statt das Misstrauen immer neu zu formulieren, sollte man es einfach abschalten. Andererseits ist es schwer, gegen Gewohnheiten oder gar Süchte anzukommen. Mit diesen Friktionen müssen wir leben.

Der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz hat diesen Friktionsbegriff in dieser Bedeutung in seinem nachgelassenen Werk VOM KRIEGE verwendet. Sein Buch wurde viel gedeutet und viel missgedeutet. Man überlas gerne, dass er eigentlich nur Verteidigungskriege für gewinnbar hielt, man überlas, dass er begründete, dass jeder Krieg aus tausenden Schwierigkeiten besteht und deshalb die Neigung hat, sich von der Politik und von den allgemeinen Regeln zu entfernen, was später totaler Krieg hieß. Es ist ein durch und durch intelligentes und erstaunliches Buch. Clausewitz starb an der Cholera, und viele, die ihn kannten beobachteten, dass er nicht so ungern aus der Welt voller Friktionen ging.

Heute würde dieses große Buch geschrieben sein und wird gelesen für Leute und von Leuten, die lernen wollen, wie man einen Konzern oder ein Produkt in die Weltwirtschaft implantieren kann. Und da lernt man: Wirtschaft ist Chaos, sie folgt keinen Regeln oder jedenfalls nicht sehr lange. Schon allein die Friktionen zu überstehen, braucht es Genie.

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L’ÉTAT C’EST MOI

 

Nr. 257

Wir wissen nicht, was genau der französische König Ludwig XIV. mit diesem legendären Satz meinte, aber wir haben die wohl allgemeingültige Interpretation, dass er meinte, er sei nicht nur der Souverän, sondern geradezu identisch mit dem Staat. Aber viele Historiker meinen, er hätte den Satz nicht gesagt. Wenn es so ist, würde ein Satz, der zu einem Menschen passt, ihm deshalb zugeschrieben, weil wir wollen, dass er ihn gesagt hätte. Das würde in unser Bild passen. Wir haben also vor den Fakten ein Bild fertig, in das die Fakten passen müssen. Ludwig XIV. war aber nicht nur der Inbegriff des Absolutismus, sondern auch der Kunstförderung. Besser als den falschen Satz sollte man sich vielleicht Merkantilismus, die Förderung des Handels, und den Bau des Schlosses Versailles merken, das dazu beitrug und beiträgt, dass Frankreich damals das reichste Land der Welt und heute das besucherreichste Land ist.

Theoretisch wurde der Absolutismus, die absolute Alleinherrschaft, vor allem in Frankreich abgeschafft, praktisch auch in Preußen, Österreich, Russland und natürlich England, und dann im Rest der Welt. Rousseau erklärte das Volk zum Souverän und den Staat zur Vereinbarung. Das ist mehr als zweihundert Jahre her.

Merkwürdig ist nur, dass so viele Menschen diese Veränderung noch nicht bemerkt haben. Sie scheinen zu glauben, dass Demokratie eine neue Art der Diktatur sei, bei der man zwar wählen kann, aber diese Wahl habe keinen Einfluss auf ihr Leben. Sie gehen lieber auf die Straße und benutzen Trillerpfeifen und Sprechchöre, um zum Ausdruck zu bringen, was sie wollen. Und was sie wollen, scheint direkt dem absolutistischen Staat entnommen: sie wollen, so wie die Menschen damals in Frankreich,  nur eine andere Führung. Unter Führung stellen sie sich jemanden vor, der ihnen Geld gibt. Auch wollen sie sich in der Zeitung lesen.  Als es noch keine Medien gab, hätten sie objektiv sein können, jetzt teilen sie unser Schicksal der Subjektivität. Eine Zeitung  nur für die Trillerpfeifenleute würde sich wohl schlecht verkaufen. Fernsehsender dieser Art gibt es zwar, aber in ihnen dominiert die Unterhaltung. Die Gegenkandidaten der gegenwärtigen Sonnenkönigin, wir bleiben in unserem Vergleich, müssen also Gegenwörter finden: Gerechtigkeit statt Wohlstand. Sicher weiß Schulz aus seiner Zeit als Bürgermeister, dass es keine Gerechtigkeit gibt. So läuft er durch das Land, wie damals durch Würselen, und sagt: Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.  Der FDP-Spitzenkandidat dagegen hat erkannt, worum es wirklich geht: einen gutaussehenden Menschen, der ständig etwas sagt, was man sich aber nicht merken muss. Die Linke Partei dagegen setzt auf eine Ikone, die immer das gleiche sagt, so dass man schon vorher weiß, dass sie auf jede Frage, auch auf die nicht gestellte, die Antwort weiß. Auch sie ist für die Abschaffung des Merkelismus, ist aber auch gegen Schulz. Wahrscheinlich träumt sie auf ihrem Fahrrad vom dritten Führer aus dem Saarland, und das wäre dann sie.  Die Grünen setzen weiter auf Sachthemen, die niemanden interessieren. Man kann ihren Niedergang fast körperlich wahrnehmen. Einzig die Rede Özdemirs im Bundestag, wo er die zornigen Trittin und Fischer (wie lange ist das her) imitiert, wurde kurz bemerkt und überzeugte Frau Martha Kienschwarz, 78, aus Bochum.

Die AfD dagegen ist eine Gruppe von Menschen, in der es plötzlich erlaubt ist, unanständige, ungebräuchliche und auch sogar unerlaubte Wörter zu sagen. Wenn man aber ernsthaft überlegt, wofür oder wogegen sie sind, fällt einem nichts ein. Vom Euro ist schon lange nicht mehr die Rede. Auch Flüchtlinge sind als Thema irgendwie weg. Bleiben nur noch die eigentlichen Nazibegriffe: völkisch, überfremdet, Untergang, Volksverräter, Volksaustausch.

Wir müssen uns endlich neu orientieren. Wir sind der Souverän: in unserem Land wird gemacht, was die Mehrheit von uns will. Wir sind, wie damals König Ludwig, auf Handel und Wandel angewiesen. Wir verdienen damit so gut, dass es fast egal ist, wer hier regiert, mit Ausnahme der AfD. Selbst Frau Wagenknecht droht ja wohl nur mit der Enteignung ihres Fahrradherstellers.

Unsinnig ist es wohl der Nation nachzutrauern, die ein temporäres Konstrukt des achtzehnten Jahrhunderts war, an dessen fast permanenter Umstrukturierung eigentlich nur die Rechten gearbeitet haben. Der erste Staat in Deutschland, der langsam und zögerlich genug die Diskriminierung des Andersseins beendete und auf den überholten Nation- und Ehebegriff langsam, sehr langsam verzichtete, war die Bundesrepublik unter Führung eines steinalten konservativen Mannes.

Die Technik unterliegt einem ungeheuren Innovations- und Geschwindigkeitswahn, unsere Begriffe stolpern mit unerlaubter Langsamkeit hinterher. Schon allein auf die Formulierung ‚Wie kann es sein…‘ fehlt uns die passende Antwort, dass nämlich, wo Menschen aufeinandertreffen, immer alles sein kann. Die Empörung ist schneller als der Fakt und jede Meinung braucht eine Mehrheit, wenn sie Wirklichkeit werden will.

Meine Wahlempfehlung lautet deshalb: erinnern wir uns, dass wir der Staat sind. L’État c’est nous!