PFINGSTWUNDEN – I CAN’T BREATHE

 

Nr. 401

WANN WIRD AUCH DER ZEITPUNKT KOMMEN, WO ES NUR MENSCHEN GEBEN WIRD?

Beethoven an Struve, 1795

 

Fünfzig Tage nach Ostern feiert die christliche Kirche ihren Geburtstag. Aber es gibt die christliche Kirche nicht, sondern vielleicht 1000 Gemeinschaften, die alle von sich behaupten, die christliche Kirche zu sein. Jede Gruppe trägt den Keim der Spaltung als Kainszeichen von Geburt an. Was in der Bibel als pfingstliche Ausgießung des Heiligen Geistes beschrieben wird, dass sich alle plötzlich verstanden, obwohl sie verschiedene Sprachen benutzten, ist der allgemeine Gründungsmythos jeder Gruppe. Je inklusiver eine Gruppe ist, desto exklusiver ist sie auch.

Die beiden größten Gruppen der Menschheit sind Männer und Frauen. Abgesehen von den schon seit dem Altertum bekannten Hermaphroditen und weiteren winzigen Minderheiten schließen sie sich gegenseitig aus. Allerdings lockert sich seit etwa 150 Jahren die Inklusivität: die tertiären Geschlechtsmerkmale – Frisur, Kleidung, Berufe – sind nicht mehr stabil. Goethe und der Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach waren die ersten Nacktbader in der Ilm, Eden bei Oranienburg war die erste Nudistensiedlung in Deutschland, man las Emerson und Thoreau und scherte sich nicht um die noch geltenden Tertiärordnungen und Schamgesetze. Lange Haare für Männer waren noch in der DDR unerwünscht, Hosen für Frauen galten lange als unschicklich, aber inzwischen laufen gerade die größten Machos mit Goldkettchen herum. Selbst der größte islamistische Fundamentalist in Berlin-Wedding ahnt, dass seine Tolerierung die Duldung des – aus seiner Sicht verkleideten – Transvestiten einschließt, und der Transvestit glaubt den Islamisten ebenfalls in einer gar nicht einmal so unähnlichen Verkleidung.

In der letzten Woche konnte man wieder glauben, dass der Rassismus zurückkehrt, die Erzählung der zweiten großen Gruppen. Der furchtbare und traurige Tod von George Floyd, dessen Delikt so klein war, dass es fast nicht erwähnenswert ist*, zeigt aber etwas ganz anderes: die absolute Dummheit dieses Polizisten als Vertreter einer rückwärtsgewandten Ordnung mit verfehlten und zum Scheitern verurteilten Mitteln. Eine mediale Welle der Sympathie mit dem Opfer begann wenige Minuten nach der verabscheuungswürdigen Tat. Die Rückkehr des Rassismus ist nicht gelungen und kann nicht gelingen. Leider gibt es im Moment keinen neuen Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King, deshalb entlädt sich – wie nach jedem rassistischen Mord –  eine Hass-, Rache- und Gewaltlawine. Rache ist ganz sicher falsch und nicht zeitgemäß, aber verständlich. Die Exekutivorgane des Staates sind, soweit sie eine Waffe tragen, ebenfalls eine solche eingeschworene Gruppe, die das Recht immer auf ihrer Seite glaubt und für die der Folxmund seit altersher den schönen Spruch parat hat, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Allerdings stehen die Krähen neuerdings unter medialem Kuratel. Und die Krähen als Kulturfolger bescheren uns eine weitere schöne Erkenntnis: wenn ein Stadtrat die Krähen als Plage ansieht und zum Abschuss freigibt, wird das Ergebnis die Vergrößerung der Population sein. Gewalt ist für kein Problem die Lösung, sondern ein Katalysator der Probleme.

Und  deshalb müsste heute die größte Pazifistin in der Frühzeit des Pazifismus nicht mehr nur fordern, ‚die Waffen nieder‘ zu legen, sondern die Gewalt insgesamt zu ächten. Allerdings wollte sie auch schon wissen, dass die Religion nicht den Scheiterhaufen rechtfertigt, der Vaterlandsbegriff nicht den Massenmord und die Wissenschaft die Tierfolter nicht entsündigen kann.** Die ehemals feststehende Ordnung beruhte auf dem Ausschluss der jeweils anderen, dem Ausschluss aus der Religion um den Preis der Unterwerfung, den Ausschluss aus den Eliten, die hierarchisch festzustehen schienen, den Ausschluss alles Fremden durch Grenzen und Kriege, die als natürlich und unvermeidlich dargestellt wurden. Vielleicht ist der Hass der Ultrarechten auf das vereinte Europa in Wirklichkeit die Trauer über den Verlust des Krieges als Rechtfertigung und damit die Rechtfertigung der Kriege.

Das Pfingstwunder vollzieht sich dadurch, dass fast alle Menschen der bis 2050 größer werdenden Weltbevölkerung Englisch und die Sprache der Technik verstehen. Das Zusammenwachsen der Menschheit besteht auch darin, dass wir theoretisch die Welt bis in die letzte Provinzstadt kennen können, ob sie nun in Burkina Faso, in Hubei oder in der Uckermark liegt. Und in jeder Provinzstadt wird ein Telefon der Firma Huawei benutzt und ist ein host ein host, was ursprünglich ein Wirt war, der uns freundlich aufnimmt. Vielleicht dreht sich die Lebensweise der Menschen wieder in Richtung der Kleinstadt, von der wir ausgegangen sind, als Zentrum eines ländlichen Gebiets, das früher die Quelle des Lebens war, jetzt ein angehängter Raum, der sich für sanften Tourismus anpreist und von überwiegend alten Menschen bewohnt wird. In diesen Gebieten steht ungenutzter umbauter Raum in Hülle und Fülle zur Verfügung, von der Kirche bis zum Speicher, die dieselbe Urform, die Basilika, haben, neuerdings auch Bahnhöfe und Postämter als einstige Schnittstellen der Kommunikation.

Die Pfingstwunde, die Leerstelle der Globalisierung, ist die Krise, in die Demokratie und Globalisierung immer wieder verfallen und verfallen können. Nur ist es grundfalsch, bei jeder Krise anzunehmen, dass der Welt- oder Systemuntergang bevorsteht. Wenngleich es auch Gruppen gibt, deren Zusammenhalt gerade im prognostizierten Untergang besteht: Zeugen Jehovas, Kommunisten, Ultrarechte, all diese apokalyptischen Vereine.  Wahrheit ist für sie das, was sie selbst erzählen, deshalb lohnt es für sie nicht, Argumente zu diskutieren, Thesen zu erörtern. Erörterung ist ihnen ein Graus. Sie leben für ihre Kurz- und Universalthesen, fernab von jeglicher Gründlichkeit. Aber das funktioniert nur zeitweilig und nur in der definierten Gruppe mit ritualisierten Zugangsbeschränkungen wie Taufe, Beschneidung, Eid, Mutprobe.

Merkwürdig ist nur, dass ausgerechnet diejenigen, die von der Exklusivität ihrer Gruppe ausgehen, das Verschwinden der Diversität der Gemeinschaften beklagen. Aber aus diesem Verschwinden, so traurig es im Einzelfall auch sein sollte, führt die Menschheit in eine neuerdings gemeinsame Welt der Schwestern und Brüder, wo es nur noch Menschen geben wird. Die Diversität wird in der geschwisterlichen Menschheit aufgehoben, in der exklusiven Gruppe aber ausgeschlossen.

 

 

*er soll versucht haben, in einem Imbiss mit einem falschen 20 $ Schein zu bezahlen

**Bertha von Suttner, Schach der Qual, 1898

DAS PARADOX DER SPRACHE. WORTE.

Nr. 373

 

Fünfundsiebzig Jahre nach dem letzten großen Krieg sprechen die Enkel und Urenkel immer noch die Sprache der Täter, ihrer Ahnen, obwohl sie deren Ziele und Taten verurteilen, ablehnen und schon lange nicht mehr nachvollziehen können. Dabei ist der Streit um den Antisemitismus höchst aktuell, nicht nur, weil es erneut antisemitische Gesinnungen gibt, die Taten ermutigen und erlauben, sondern weil es inzwischen auch andere Menschengruppen in unserer Gesellschaft gibt, die ausgeschlossen und angegriffen werden. Sowohl die Angreifer als auch die Angegriffenen sind kleine Minderheiten, vielleicht deshalb glaubt eine große Mehrheit, schweigen zu dürfen. Den Begriff und die Vorstellung der schweigenden Mehrheit zu Rechtfertigung erfand der irrationale Amtsvorgänger von Trump, Richard M. Nixon, auch Tricky Dick genannt. Nixon hat es mit seinen üblen Tricks nicht geschafft, die amerikanische Gesellschaft zu entdemokratisieren. Man kann optimistisch sein, dass es auch Trump nicht schaffen wird, sicher ist es nicht.

Die Sprache der Täter ist sicher nicht die Ursache für Angriffe auf Menschen, und die meisten europäischen Länder sind in einem Maße sicher und lebenswert, das im Kongo oder in Honduras, wo pro Jahr und auf 100.000 Menschen bezogen achtundfünfzig >Mal mehr Menschen durch Mörderhand sterben, unvorstellbar ist. Trotzdem ist es merkwürdig, dass wir es nicht lassen können, nach Rechtfertigungen für die Untaten unserer Vorväter ausgerechnet bei ihnen selbst, den Tätern zu suchen.

So heißt es noch heute: diese Menschen wurden ‚aus rassischen Gründen‘ ermordet. Vielleicht schleppen wir diese Formulierung schon seit den ersten Nachkriegsjahren mit uns herum, aber das rechtfertigt sie nicht. Es gibt keine ‚rassischen Gründe‘, weil es keine Rassen und keine Gründe gibt, Menschen zu töten. Die Juristen schlagen für dieses Phänomen einen Sammelbegriff vor, nämlich ‚niedere Beweggründe‘, zu den Mordmerkmalen zählen noch das Naziwort ‚Heimtücke‘ und die sehr relative ‚besondere Grausamkeit‘. Aber alle diese Begriffe sind besser als die ‚rassischen Gründe‘, die selbst das Bundespräsidialamt benutzt.

Wenn wir uns in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhundert zurückversetzen, dann sind die damals lebenden Menschen insofern entschuldigt, als dass sie in der Schule lernten, dass es drei verschiedene, auch qualitativ differente menschliche Rassen gibt. Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er im Lexikon nachsieht, um zu überprüfen, ob das, was der Lehrer sagt und an den Schautafeln im Klassenzimmer steht, auch wirklich gut ist. Hätte er jedoch im Meyers Konversationslexikon von 1907 nachgelesen, so hätte er zumindest eine differenziertere Sicht gefunden. Man kann nicht von jedem Schüler verlangen, dass er in der Bibel nachliest, ob das, was seine Lehrer sagen, wenn schon nicht wissenschaftlich haltbar, so doch moralisch unanfechtbar ist. Weder im alten noch im neuen Testament gibt es ausdrückliche Segregation. Der Satz des Kain ‚Soll ich meines Bruders Hüter sein‘ bezieht sich zwar in der Geschichte auf einen leiblichen Bruder, aber die Geschichte steht symbolisch für die neolithische Revolution, meint also den jetzt gefährdeteren Mitmenschen. Yesus hat nicht nur alle Menschen, die er kannte, für gleich erachtet, sondern Gleichnisse dafür geliefert, so das vom barmherzigen Samaritaner, das einem ganzen Berufungszweig den Namen gab (Samariter), oder das von der Ehebrecherin, in dem er sich zu einem der größten Sätze der Moralgeschichte aufschwang.

Die ständige Betonung der Herkunft ändert nichts an der in allen Religionen und Philosophien betonten Gleichheit der Menschen. Die Menschen unterscheiden sich, ‚nur von Seiten ihrer gründe nicht‘, könnte man einen der großen Gedanken der Aufklärung hier anwenden. Was ist die Form einer Nase (oder was Sie wollen) gegen einen Gedanken oder gegen die seit altersher überlieferte Gastfreundschaft. Diese Gastfreundschaft ist doch die freundliche Aufnahme eines unbekannten Menschen auf die Vermutung und Gewissheit hin, dass er ein Mensch wie du und ich ist. Der urbane Mensch hat diese Spontanfreundschaft auch auf domestizierte Tiere übertragen. Erst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Kindchenschema entdeckt. Jetzt wissen wir, dass die böse Wölfin unser Baby versorgt, das wir im Wald liegenließen.

Die Betonung der Herkunft dient sehr oft als Rechtfertigung für das Böse. Deshalb ist es nicht besonders praktikabel, dass wir zwar das Wort ‚Rasse‘ geächtet, ‚Rassismus‘ aber beibehalten haben. Den Gebrauch der Worte kann man nur schwer ändern, das ändert nichts an der Weisheit des Laotse, dass das Übel in den Worten seinen Ursprung hat. Mein Vorschlag für die Ablösung von ‚Rassismus‘ ist das etwas sperrige Segregation, das sowohl im anglophonen Raum als auch in der Wissenschaft schon lange verwendet wird. Für das Gegenteil, die empathische Gleichstellung aller Menschen, die oft mit der Zerschlagung ihrer Ketten einherging, bietet sich das historische Wort Abolitionismus an, das man englisch und lateinisch aussprechen kann und das ursprünglich die Befreiung der Sklaven meinte, dann aber überhaupt die Befreiung der Menschen. Man ist noch lange nicht frei, lässt Lessing sagen, wenn man seiner Ketten spottet.

Nicht ganz so grundlegend ist die sprachliche Rechtfertigung des Krieges, weil Krieg oder nicht Krieg nicht so sehr vom Willen des einzelnen abhängt wie die Diskriminierung anderer Menschen. Der zweite Weltkrieg, hier oft wörtlich zu verstehen als der letzte große Krieg, wird von der Seite des Angreifers her einmütig missbilligt, bis auf ein paar Neonazis auch von den meisten Deutschen.  Trotzdem kann man beiläufig lesen, dass jemand am ‚Polenfeldzug‘ teilgenommen hat, das ist die euphemistische Nazibezeichnung für den Überfall auf unser Nachbarland, für den das schon erwähnte Wort ‚Heimtücke‘ besonders zutrifft, weil mit dem gefakten Überfall auf den Sender Gleiwitz ein Rechtfertigungsgrund geschaffen worden war: Seit fünf Uhr, sagte Hitler im Reichstag, wir ZURÜCKgeschossen. In den lexikalischen Biografien der Nazigeneräle stehen übrigens minutiös alle Auszeichnungen und Orden aufgelistet, die sie bekanntermaßen für gigantische und monströse Untaten erhielten. Hier dürfte die Grabsteinfrage WARUM? angebracht sein, denn diese Praxis könnten wir ganz leicht ändern. So schön das Wort ‚Heeresluftschifffahrt‘ auch sein mag, es bezeichnete eine ebenso grausige Tatsache wie das vom Schlachten herkommende Wort Schlacht. Und übrigens dauerte der Krieg gegen Polen keinesfalls nur siebzehn Tage, wie die Nazipropaganda bis heute glauben machen will. Polnische Einheiten kämpften auch in der Befreiung von Berlin mit, die nicht nur die letzte große Schlacht des zweiten Weltkrieges, sondern der Menschheit war.

Aber auch den Siegesfeiern etwa in Russland, Frankreich und Kanada, so verständlich und berechtigt die Freude über den Sieg auch ist, haftet ein Quäntchen Nostalgie des Krieges, der Uniformen, Orden und nicht zuletzt Waffen überhaupt an. Es ist viel schwerer auf eine berechtigte Siegesfeier zu verzichten, als auf der Rechtfertigung eines noch dazu unsinnigen und heimtückischen Angriffs zu bestehen. Die Gleichberechtigung der Nationen, die den Krieg begonnen und die ihn gewonnen haben, wäre durch den Verzicht auf Waffen wiederhergestellt, und zwar auf die menschlichste und religiöseste Weise, die überhaupt denkbar ist.

Die Herstellung und der Verkauf von Waffen ist nicht die Ursache des Streits, wohl aber die Verlängerung eines äußerst falschen, in das Grunddilemma des Lebens führenden und immer kontraproduktiven Versuchs der Konfliktlösung.

Der Grundimpetus menschlichen Daseins ist die Fürsorge, und die Freude sollte ihr ständiger Begleiter sein. Für beide braucht man keine Waffen, auch nicht als Metapher.