ONLY YOUR FACE IS YOUR PAST

 

Nr. 347

Freud schrieb, dass unser Leben zu schwer sei und wir deshalb schlafen, träumen und uns betäuben müssen. Aber damit nicht genug. Das Leben ist wie ein Seiltanz, und die ständige Angst abzustürzen, verdrängen wir mit geglaubten Sicherheiten. Die Familie ist natürlich nicht nur geglaubt, sondern real. Trotzdem gehören Brudermord und Vatermord zu den Urbildern der Menschheit. Trotzdem gibt es den Mythos der besonderen Mutterliebe. Trotzdem erleben wir gerade – seit dem neunzehnten Jahrhundert – eine Annäherung der Geschlechter und eine komplette Änderung der Vaterrolle. Die Kinderzahl steigt zwar noch, aber die Geburtenquote sinkt in allen Ländern mit Ausnahme der allerärmsten. Damit wird sich auch die Mutterrolle, die wohl ein Mythos zur Kompensation der Rechte- und Freiheitseinschränkungen war, signifikant ändern. Der Mythos der Mutterschaft war an die alleinige Funktion der Mutterschaft gekoppelt.

Noch krasser ist es bei der Nation. Sie ist ganz offensichtlich ein Konstrukt des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. An den Konflikten kann man sehen, wie wenig sich die Menschen, aber auch die Politiker an den Status der Nation halten. Ein reiches Land wie Belgien leistet sich einen teuren Streit: zwei Universitäten werden nebeneinander gebaut, eine wallonische und eine flämische. Einen billigen Streit leistet sich die Türkei: immer wieder klafft die Wunde zwischen Türken und Kurden, die sich ein Staatsterritorium teilen, ohne wirklich ein Volk zu sein. Der schwankende und schwächelnde Autokrat hat es diesmal sogar geschafft, nicht nur den Konflikt zu entfachen, sondern auch ein neues kurdisches nichtterroristisches Bewusstsein zu stärken. Deutschland tat sich lange schwer mit der zweimaligen Verschiebung seiner Grenzen in einem Jahrhundert und tut sich derzeit schwer mit der Anerkenntnis, dass, wer sich mit seinen ehemaligen Feinden versöhnt, eben dann auch als Musterbild der Toleranz gesehen wird. Das merkwürdige daran ist nur, dass Deutschland immer schon ein Einwanderungsland war, so wie in Frankreich, das auch den Preis für seinen Kolonialismus bezahlen muss, niemand weiß, ob er von den Galliern oder den namensgebenden Franken abstammt. Sind wir Alemannen oder Sachsen? Auf dem Balkan nennt man uns Schwaben. Das alles haben Ernest Renan (‚die Nation ist ein tägliches Plebiszit‘) und Arthur Schopenhauer (‚Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört,, stolz zu sein…‘) schon mehr als gründlich beantwortet.

So ist es auch mit der Religion. Wie alle menschlichen Gruppen hat sie den Keim der Spaltung immer schon in sich. Gerade gestern, katholische Frauen wollen unter dem Label MARIA 2.0 ihre auch kirchliche Emanzipation erkämpfen, schlägt der Klerus vor, dagegen einfach eine neue, unterwürfige Frauenorganisation zu gründen. Wahrscheinlich wird sie dann rechtgläubig heißen. Ruft man bei YOUTUBE beliebig eine Predigt auf, so hört man einen Abt, der begründet, warum nur ein Priester das Abendmahl vollziehen kann. Das ist der umgekehrte Muttermythos, dem auf der wieder anderen Seite das Vaterland gegenübersteht.

Aber was ist mit den Traditionen, der Kleidung, dem Essen? Isst man sich durch die Welt, so bemerkt man schnell, dass die Differenzen marginal sind. In warmen Gegenden haben die Menschen wenig an, in kalten mehr. Das ist der ganze Unterschied. So steht es auch schon im NATHAN DER WEISE von Lessing, ein Buch, das gerne gelesen und auf dem Theater angehört, aber genauso gern vergessen wird: ‚Wie kann ich meinen Vätern weniger als du den deinen glauben?‘ [III,7] Und etwas weiter oben heißt es im schönen Dialog zwischen Saladin und Nathan, dass sich die Religionen in allerhand Äußerlichkeiten, jedoch nicht von Seiten ihrer Gründe unterscheiden.

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Der Hintergrund, auf dem wir uns bewegen, ist die Gegenwart, stage und backstage. Unser Verhalten ist immer vom Augenblick bestimmt. Wollen wir einen Ertrinkenden retten, können wir nicht unsere Prinzipien befragen, sondern wir müssen unsere jetzigen Möglichkeiten abrufen. Nur Fundamentalisten sehen das anders und verhalten sich auch anders. Sie kalkulieren immer den Tod gegen das Prinzip. Die damalige Berliner Führung der Zeugen Jehovas wurde in einer Schulklasse ausgepfiffen als sie in der letztlichen Alternative, ob man einem Verhungernden Brot oder eine Bibel geben sollte, das Prinzip wählte. Fundamentalisten gibt es nicht nur bei Boko Haram, sondern auch im Vatikan oder in einem Bundesministerium.

Was wir mit uns herumschleppen, ist unser Gesicht, nicht unsere Tradition. Die Tradition wird als Rettungsring gesehen, solange wir Rettung nötig haben. Tradition wird als Ballast über Bord geworfen, sobald wir schwimmen können. Das ist die radikale Definition und definieren heißt, einen Prozess anhalten. In Wirklichkeit sind wir weder eindeutig noch radikal vernünftig. Der Physikprofessor hat auf dem Weihnachtsmarkt oder bei einer Beerdigung Tränen in den Augen. Weihnachtsmärkte und Kopftücher sind nicht nur Orientierungen, sondern auch Erinnerungen und Gefühlsprojektionen. Das Leben ist zu schwer, um ohne all dies auszukommen. Der rechtsradikale Schwätzer, der gerade ein Kopftuchmädchen und dessen mögliche Kinder verdammt, geht im selben Moment in eine Konsumkathedrale oder einen Alkoholtempel. Jeder hat seine Traditionen, die sich unterscheiden mögen, nur von Seiten ihrer Gründe nicht.

Das Problem des Migranten ist gerade nicht, dass er einen Migrationshintergrund hat, sondern dass er sich mit seinem Gesicht in einem neuen, gegenwärtigen, für ihn unbekannten Hintergrund befindet und alle Widersprüche und Reibungen aushalten muss, die sich daraus ergeben. Deshalb hält er sich an seinen Traditionen, an einer schnell und neu zusammengezimmerten Community fest, solange es geht. Wehe, wenn die Liebe oder der Hass dazwischenfunken! Dann stürzt das Baugerüst ganz ohne Wind ein. Baugerüste sind also nicht Kontinua unseres Lebens, sondern helfen, wo es uns zu schwer erscheint. Daraus folgt, dass es zwischen dem Migranten und dem Sesshaften alle möglichen Differenzen gibt: nur von Seiten ihrer Gründe nicht. Dass wir alle gleich sind, das Postulat aller Religionen und Philosophien, ist also kein Ideal und kein leerer Wahn, sondern einfache und gut belegte Tatsache.

Das Gesicht ist aber nicht nur die Schnittstelle (interface) zwischen uns und unserer Herkunft und unserer Zukunft, sondern auch der einzig wirkliche Fixpunkt unseres Lebens. Obwohl sich das Gesicht von außen betrachtet – also für unsere Mitmenschen und anderen Mitwesen – verändert, bleibt es für uns im Innern immer gleich. Der Greis kann sich fast lückenlos in seine Kindheit versetzen, obwohl die äußere Gestalt maximal variiert. Die Seele, falls wir eine haben, findet ihren Frieden im Gesicht, falls wir eins haben. Was wir auch sehen, die Sixtinische Kapelle oder die Slums von Lagos, spielende Delphine oder geschredderte Küken, in welchen Gegenden wir agieren oder agitieren oder reagieren, wir bleiben von innen der Mensch, der wir glauben zu sein, auch wenn wir nicht glauben, dass wir irgendetwas glauben.

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ALLE BESCHRÄNKUNG BEGLÜCKT*

 

Nr. 343

Das Talent gleicht dem Schützen, der ein Ziel trifft, welches die Übrigen nicht erreichen können; das Genie dem, der eines trifft, bis zu welchem sie nicht einmal zu sehen vermögen… SCHOPENHAUER, Die Welt als Wille und Vorstellung, Kapitel 31, Großherzog Wilhelm Ernst Ausgabe, Leipzig 1917, S. 1157

Man kann jeden Satz zur Rechtfertigung seiner eigenen Beschränktheit missbrauchen, aber dadurch heben sich die Schranken nicht auf. Vielmehr sehen wir das ganze neunzehnte Jahrhundert  damit beschäftigt, die Schranken der dichotomischen Betrachtungsweisen zu überwinden. Schranken und Hürden werden so mobil wie der Mensch selbst. Mit dem Pferd verschwindet auch das Joch als realer Gegenstand und als Metapher. Allerdings darf man sich den Fortschritt nicht linear vorstellen, als einen sanften Hügel, auf dessen Spitze der Olymp wartet und das Ende der Geschichte. Hegel, dem wir das so ausgearbeitete Fortschrittsmodell verdanken, wohnte am Kupfergraben, während Schopenhauer um die Ecke in der Dorotheenstädtischen Straße versuchte, der hegelschen Dominanz dadurch zu entgehen, dass er seine Vorlesungen auf den gleichen Zeitpunkt legte. Da konnte man nun hören, dass der Mensch nicht zu seinem Glück geboren ist. Nur wer von einer solchen Glücksvorstellung ausgeht, und sei sie auch nur am Ende des Berges erreichbar, wird die Welt voller unüberwindbarer Widersprüche finden. Und was ist dann leichter, als zu einfachen Gegensatzpaaren zurückzufinden.

Schopenhauer und später auch Nietzsche sind als Zeitgenossen missverstanden worden. Nietzsche verdankte diesem Missverständnis seinen Ruhm und seinen Wohlstand als Bestsellerautor. Beide fanden sich in den Tornistern der Leichen von Langemarck und Verdun. Aber beide meinten nicht, dass es zwischen den Eigentlichen und den Übrigen eine Entscheidung oder gar eine Entscheidungsschlacht geben würde oder auch nur geben könnte. Unter den Eigentlichen, von Schopenhauer Genie im Sinne des Sturms und Drangs seiner Lehrer genannt, von Nietzsche gar Übermensch, sein Vater, der schwächliche Pfarrer schwärmte vom preußischen Leutnant als gewissermaßen gezüchteter Idealfigur, verstanden die beiden wohl eher den fitten Leser.

Sowohl Fitness als auch Bildung durch Lesen sind unendliche, universale und multiple Tätigkeiten. Man ist zwar Leser, aber jeder Leser weiß von der unendlichen und jeden Tag wachsenden Menge Lesestoff. Mit jedem neuen gelesenen Buch erschließen sich tausend ungelesene. In jedem Buch steckt eine ganze Welt. So wie der Leser vor einem Berg Wissen, Deutung und Erzählung steht, so muss der Sportler jeden Morgen neu anfangen, seinen einerseits perfekten, andererseits nie fertigen Körper zu trainieren und zu formen. Jeder Dorfschullehrer weiß, wie schwer die beiden zu vereinen sind. Schopenhauer und Nietzsche haben sozusagen die letzte Elite beschrieben, um sie zu überwinden.

Der neue Mensch ist nicht zu konstruieren, schon gar nicht im Rückgriff auf die Vergangenheit. Die Beschränkungen sind zu durchbrechen oder wenigstens mobil zu gestalten, wie eine Bahnschranke, auch sie ein Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Allerdings müssen wir mit dem Unglück leben, das wir uns selbst geschaffen haben, indem wir als Ideal das Unendliche sehen, nicht das beschränkte Endliche.

Es ist völlig unverständlich, wie die Partei der Staatsgläubigen und Zeitungszitierer sich ausgerechnet auf Schopenhauer und Nietzsche berufen will, die das Gegenteil dessen waren, was jene anstreben. Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen, schreibt Schopenhauer in den Aphorismen zur Lebensweisheit, ist der Nationalstolz. Er ist das Substitut einer gewesenen oder nie gewordenen Persönlichkeit, das Glück der Beschränkten. ‚Jede Nation spottet über die andere, und alle haben Recht.‘ Das schlimmste Unglück ist es aber, nicht weiter zu lesen. Die meisten berühmten Zitate haben eine Fortsetzung: Ein Deutscher, schreibt Nietzsche, ist großer Dinge fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass er sie tut. Doch dann fährt er fort: denn er gehorcht, wo er kann.** Er gehorcht den Regeln und Führern, den Traditionen und Gesetzen, den Vätern und den Müttern; und wenn der Schutzmann sagt: gibs auf!***, dann trollt er sich in sein selbst verschuldetes Gefängnis. Und diesen hässlichen Deutschen gibt es überall auf der Welt. Aber es gibt, zum Glück, wenn schon nicht glücklichmachend, auch Schopenhauer .

 

*Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Leipzig 1918,  V, 6

** Nietzsche, Morgenröte, § 207

*** Kafka