SCHULD UND SÜHNE

Wann wird auch der Zeitpunkt kommen, wo es nur Menschen geben wird?

Beethoven an Struve, 1795

 

Nr. 395

Der Kollateralschaden der Demokratie ist der Zweifel. In den vordemokratischen Zeitaltern war die Erziehung durch Zweifel und zum Zweifel die Voraussetzung zur Weiterentwicklung, zur Fortentwicklung aus dumpfen Sklaven- und Feudalverhältnissen. Alle autoritären Gesellschaftsmodelle setzen auf Loyalität, alle Solidarmodelle gehen vom Konsens aus. Aber beides ist falsch.

Sobald der Diktator kippt oder auch nur wackelt, schlägt die vermeintliche Treue in Schadenfreude um. Die Ratten waren alle nur Opportunisten. Sie hoffen auf einen neuen Herrn, selten eine Herrin. Und dieses seltsame Wort gibt uns wieder Gelegenheit, über das Gegenteil des Gegenteils nachzudenken und zu der Erkenntnis zu kommen, dass jede Medaille tausend Seiten hat, so viele wie ein guter Roman. Das Gegenteil eines Herren ist eine Dame, sie ist sein Komplement, aber wenn sie nicht untergeordnet sein will oder soll, muss sie den weiblichen Titel, der im Patriarchat nichts gilt, ablegen. Sie wird zur Herrin und gibt damit zu, dass Herr eben doch mehr ist als Frau. So geht es vielen Politikerinnen. Auch Merkel hatte lange diesen Hang zur übergestülpten Männlichkeit. Es waren ihre Jäckchen, die sie zur etwas lächerlichen Herrin machten. Mit dem Titel ‚Mutti‘, den ein bösartiger Journalist ihr gab, war nicht gemeint, dass sie die Mutter der Nation als Pendent zum Vater der Nation, dem Gebieter des Vaterlandes, sei, sondern es war ihre Piefigkeit gemeint. ‚Mutti‘ ist ein Kinderwort, so wie ‚Opa‘. Nachdem sie nun auch die dritte Krise gemeistert (schon wieder ein Herr) hat, bleibt den meisten Kritikern die Kritik im Halse stecken. Und übrigens: gegen solchen Spott wehren sich Autokraten durch Blasphemie-Paragrafen.

Solidarität ist das Lebenselixier allen menschlichen Seins. Aber sie wurde in den letzten fünftausend Jahren teilweise durch eine Staatsfürsorge substituiert. Und das daraus notwendig resultierende Staatsversagen führte zu dem Wunsch nach Demokratie und schließlich zur Demokratie.

Die Geschichte von David und Goliath ist die Grunderzählung des Staatversagens. Der König kassiert Steuern und gibt sie sicher ungerecht für sich und sein Volk aus. Zur Fürsorge gehörte damals auch der Krieg um die besten Weideplätze und der Feind wurde durch die eigene Propaganda als ein seelenloses, aber doch irgendwie unbesiegbares Monster dargestellt. Und nun kommt der kleine David, sechzehn Jahre alt, der seinen großen Brüdern den Proviant für die Schlacht bringen soll. Er kommt gerade rechtzeitig, um die Frage des Königs nach einem Freiwilligen, übrigens eine typische Militärfrage, vorlaut beantworten zu können. Meist wird der Ausgang der Geschichte so interpretiert, dass Macht zu Ohnmacht wird, wenn auf der anderen Seite Verstand eingesetzt wird.

Es ist aber zunächst die Geschichte des ohnmächtigen Königs, des Staatsversagens also. Und immer, wenn der Staat am Versagen ist, fragt er nach Freiwilligen zur Rettung. In der Suche nach Freiwilligen liegt aber ein vordemokratisches Element. Durch eine Rettungstat kann sich jemand von ganz unten, David war ein Hilfshirt und das jüngste Kind, in die Elite katapultieren. Der König muss ihm dann, um die Beförderung zu legitimieren, seine Tochter zur Frau geben.

Dieses vordemokratische Element der Auswahl führt zur allmählichen Zerstörung der Vorstellung von der Natur und der Natürlichkeit der Hierarchie. Wie kann, fragt man sich tausend Jahre später und tausend Beispiele weiter, die Hierarchie göttlich und naturgegeben sein, wenn sie durch ein einfaches Katapult – mit dem David das Monster Goliath exekutierte – außer Kraft gesetzt wird?

Der Goliath des stotternden und hyperventilierenden Davids Edison waren die Dunkelheit und die Einmaligkeit. Er erfand die Glühbirne als automatisierte Kerze und den Phonographen als Wiederholer bis dahin einmaliger Kunstereignisse. Der Adel des Geldes, zu dem er dann – im Gegensatz zu seinem erfolgloseren Konkurrenten Nikola Tesla – gehörte, war längst als Alternative zur Geburtselite akzeptiert.

Das ganze neunzehnte Jahrhundert über kämpfte das demokratische gegen das autoritäre Prinzip, gleichzeitig die Globalisierung gegen das Nationalstaatssystem. Globalisierung ist im Gegensatz zum Nationalismus keine Ideologie, sondern eine Methode, eine Möglichkeit des Marktes. Beide fanden im Kolonialismus ein zeitlich begrenztes gemeinsames Dach. Der Vietnam- und der Algerienkrieg sind so gesehen Triumphe über den Kolonialismus und für die Demokratie.

Es ist kein Wunder, dass der rechte, recht unbekannte Theoretiker Renaud Camus, den wir am vorigen Sonntag vorgestellt haben, den Algerienkrieg und seine Folgen für Frankreich traumatisch erlebt hat und dem Verlust durchaus rachsüchtig nachtrauert, während der weltberühmte Großautor Albert Camus, dessen Mutter Analphabetin war, aus Algerien stammt – ohne Araber oder Berber zu sein – und wie David und wie Edison höchst erfolgreich für den Verstand und das Licht votierte.

In der Anfangsphase der Demokratie, in der wir uns jetzt befinden, leben die Menschen mit ihren eingelernten Zweifeln, die sie den Sturz der angeblich felsenfesten Autoritäten lehrten, fort. Sie vermuten hinter jeder gewählten Persönlichkeit Korruption und Allmachtsfantasien. Andererseits verlangen sie aber auch Allwissen und Allmacht. Einerseits fragen viele Bürger, wie jemand Gesundheitsminister sein kann, ohne Arzt zu sein. Andererseits vermuten sie aber, wenn ein Arzt Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation ist, Dr. Tedros Adhanom Gebreyesus, dass er gerade deswegen korrupt sein muss. Andere glauben sogar, dass er eine Marionette von Bill Gates sei. Bill Gates seinerseits aber wird als neuer Weltgesundheitsdiktator beschimpft. Wir erinnern uns: er hat große Teile seines – allerdings unermesslich und unvorstellbar  großen – Vermögens für die Bekämpfung von AIDS gestiftet. Sie setzen also Zweifel, die früher nicht nur berechtigt, sondern notwendig waren, für die Bekämpfung derjenigen Gesellschaft ein,  die für ihre Ahnen das Ziel war: ‚die Gedanken sind frei‘ – so sangen heimlich die ersten Demokraten Deutschlands in den Kerkern ihrer Staatsversager. Und heute bemerken sie nicht, dass sie wählen und zweifeln und ihre abstruse Meinung hinausposaunen können, ohne dass sie von jemandem gehindert würden.

Es ist das Paradox der Diktatur, dass sie von Treue lebt und immer in Verrat und Attentat endet. Es ist das Paradox der Demokratie, dass sie von der Solidarität lebt, die gleichzeitig ihr letztes Ziel ist, und dass sie aber von denjenigen, die der Autorität nachtrauern, missbraucht und mit sozusagen demokratischen Möglichkeiten bekämpft wird. Schon Goebbels hat das mit großer Schadenfreude verkündet, aber wo ist er geblieben? Seine heutigen Bewunderer, die sich auch so gerne mit ihm vergleichen lassen, sollten bedenken, dass er – nachdem er seinen Krieg verloren hatte und Deutschland in Schutt und Asche gelegt war –  erst seine sechs Kinder ermordete, dann seine Frau, die in Wirklichkeit Hitler liebte, weswegen er eine tschechische Filmschauspielerin liebte, und schließlich sich selbst erschoss. Manchmal enden die Monster von selbst und benötigen keinen David.

Wir haben auf den bisherigen 1000 Seiten (wirklich!) immer die Hierarchie, also die angeblich natürliche, tatsächlich aber immer zeitweilige oder konstruierte Rangfolge der Menschen als Verursacherprinzip der Ungleichheit (besser: Ungleichartigkeit) dargestellt: Rassismus, Klassismus oder Sexismus, auch die Religionen schließen sich gerne gegenseitig aus statt ein. Nur kein Synkretismus, rufen ihre alle ein wenig fundamentalistisch angehauchten Würdenträger. Dabei ist alle Kultur synkretisch, zusammengewürfelt, ineinander verschachtelt, kollateral verästelt. Es gibt neben Israel nur ein einziges Gebiet, das die jüdische Religion im Namen führt: die Jüdische Autonome Oblast Birobidshan, von Stalin aus antisemitischen Gründen gegründet, aber zeitweilig doch von vielen Juden angenommen. Jetzt aber ist nur ein Prozent der Bevölkerung jüdischen Glaubens und es gibt nur eine Synagoge, und in der beten die wenigen Menschen den berühmtesten und größten Juden aller Zeiten an: Yesus. Wir haben gerade Ostern gefeiert, aber statt an die Auferstehung eben jenes Yesus zu denken, dachten wir an den Frühling und die Fruchtbarkeit und färbten Eier als deren Symbol, wie die Slawen taten, die vor uns hier gelebt haben und andere Götter hatten als wir.

Vielleicht ist auch die Hierarchie auf eine noch ältere Grundstruktur zurückzuführen: auf die Anmaßung des Richtens, die Erkennung einer Schuld und die Verhängung einer Sühne. Es gibt einen Hadith*, der besagt, dass ich, statt meinen Bruder oder meine Schwester einer Untat zu bezichtigen, siebzig Entschuldigungsgründe suchen soll, die für sie sprechen, die Gründe für die Tat sein könnten, die allgemein akzeptiert würden, und dass ich dann aber sagen soll: vielleicht gibt es einen weiteren Grund, den ich nicht gefunden habe. Und obwohl die moderne Rechtsprechung, das von Anselm Ritter von Feuerbach begründete positive Recht etwa so vorgehen, die Tat untersuchen, den Täter in seiner Würde als Mensch und mögliches Opfer vorangegangener Untaten anderer – zum Beispiel seiner Eltern oder des Staatsversagens – anerkennen,  obwohl also die gesamte nördliche Welt diesem Hadith folgt, ohne ihn jedoch explizit zu erwähnen, ohne ihn aber auch ausdrücklich zu verwerfen,  verbleiben große Teile des Südens und der Anhänger der Autoritäten mindestens in der Vorstellung harter Sühne, wenn nicht sogar in Rache.

Demokratie geht im Gegenteil davon aus, dass sich der Täter selbst seiner Würde beraubt hat, die ihm nun durch das, was wir Resozialisierung nennen, schrittweise wiedergegeben werden kann. Wahre und vollkommene Demokratie immunisiert gegen Untaten. Das ist es. Sie bedarf nicht der Schuldfeststellung und der Sühne, sondern der Verbesserung. Wir erinnern an einen unserer schönen Sätze: WENN JEDER DIE SCHULD BEI SICH SUCHT, IST DER TÄTER SCHNELL GEFUNDEN.** Das wird das Zeitalter sein, wo es nur Menschen geben wird. Zur Feierstunde der Schließung des letzten Gefängnisses wird der pensionierte Gefängnisdirektor, das letzte Opfer von Schuld und Sühne, die Waldsteinsonate von Beethoven spielen. Das ist eine Vision, sicher, aber zu fliegen war auch eine Vision, wie auch Licht und Geschwindigkeit und Reproduktion und weltweiter Alphabetismus.

 

 

*überlieferte Weisheit des Propheten Mohammed, diese geht möglicherweise auf Al-Buchari zurück

**oder: NICHT DER GEGENWIND IST SCHULD, SONDERN UNSRE UNGEDULD.

 

HIOB UND GRÜNSPAN. Botschaft oder Fanal

HIOB ALS BOTSCHAFT

 

Hiob gehört zu den großen Erzählungen, die uns gleichzeitig bewegen und trösten sollen und auch können. Hiob sieht seinen Erfolg übertrieben groß und sein Leid erdrückt ihn. Sein Erfolg ist – mit Ausnahme seiner Kinder – Haben und sein Leid ist Krieg und Krankheit, also für die Zeit, in der er lebt: Sein. Er findet sich auserwählt für übergroße Not und Ungerechtigkeit. Aber er ist nicht auserwählt. Keiner ist auserwählt. Da er, wie wir alle, alles richtig gemacht hat, trifft ihn jede Strafe zu unrecht. Überhaupt: warum glaubt er denn, dass er bestraft wird. Oder: glaubt nicht jeder an seine Unschuld? Würde jeder die Schuld bei sich suchen, wären die Täter schnell gefunden.

 

Jede Strafe ist unrecht. Die spiegelnden Strafen waren bloße Rache, sie vermehrten das Leid, statt es zu vermindern. Auch heute noch glaubt eine knappe Mehrheit, dass Strafe gerecht sei. Daraus, dass die Untat ungerecht ist, folgt nicht, dass die Strafe gerecht sei.  Gerecht wäre vorbeugendes Verhindern  der Untat und liebevolle Wiedereingliederung des Täters. Wenn eine Wiedergutmachung am Opfer nicht möglich ist, so erhöht sie doch die Bilanz des Guten in einer Gesellschaft. Das universelle Tötungsverbot muss noch mehr  durch Waffenverbote und -ächtung unterstützt werden. In Europa und Japan nimmt die Zahl dieser Untaten drastisch ab, während sie in Ländern mit Armut und Waffen erschreckend  und fast antik hoch bleibt.

So ist es auch mit dem Lohn, dem Verdienst oder Gewinn, den man sich aus seinen Taten erhofft. Wir würden alle Hiob sozusagen überwinden, wenn wir  es verstünden, Gutes zu tun, um es sofort zu vergessen. Stattdessen erwarten wir Dank und Lohn. Es schmerzt, wenn der Verdienst zum Bettler gemacht wird. Aber der wirkliche Gewinn liegt immer im Zugewinn an Seelenfrieden. All die dilemmatischen, schier unlösbaren Probleme der Menschheit, sie nähern sich mikrometermäßig ihren Lösungen, wenn wir anderen helfen, ohne zu fragen und ohne Lohn zu erwarten. Es gibt keinen böseren Verdienst als Finderlohn. Der Lohn der Treppe ist das oben, nicht noch etwas.

 Die höchste Instanz zur Beurteilung unseres Lebens ist Gott, aber er gab uns ein Gewissen. Und deshalb muss ein jeder Mensch mit seiner Schuld leben. Niemand kann sie ihm nehmen und niemand nimmt sie ihm. In den griechischen Tragödien, die zur gleichen Zeit entstanden wie das Buch Hiob, geraten die Menschen unschuldig in schuld. Auch Hiobs Leid geht auf die Wette Gottes mit seinem Widersacher, dem Satan, zurück, liegt also nicht in Hiobs Leben. Viele Täter erschrecken vor ihrer Untat. Sie wissen nicht, wie sie dazu gekommen sind. Es gibt immer nicht nur einen Grund, warum etwas geschieht. Vielmehr benötigt man, um ein Ereignis zu erklären, mehr Gründe als man je finden kann. Das geht soweit, dass man eigentlich gar keine Warumfragen stellen kann: niemand kann sie beantworten. Zu groß ist die Masse der Gründe und Gegengründe, der Tatsachen und Rechtfertigungen.

Wir müssen in diesem Geflecht von Taten und Untaten, von Schuld und Sühne leben, wir haben keinen anderen Ort als diese Welt. So gesehen gehören Hiob und Grünspan in die große Reihe der Märtyrer. Das sind Menschen, die standhalten, obwohl sie wissen, dass sie scheitern, unter der Last fremder Schuld zusammenbrechen werden, die     das auf sich nehmen, was andere ganz offensichtlich falsch machen. Aber die anderen sind das herrschende System, sie glauben erst recht Recht zu haben. In diesem Netzwerk von Taten und Untaten hat niemand recht. Der Fehler ist nicht die einzelne Tat, sondern das bestehen auf ihr, das Rechthabenwollen, gefolgt vom Wahrheitpachten. Dann kommen schon die Kreuzzüge und dreißigjährigen          Weltkriege. Gott ist keine Burg, in der man Recht hat. Gott ist innen, nicht außen.

Das Leben folgt keiner Rechenkunst. Kein Kalkül ist möglich. Während der Pest müssen die Uhrmacher schweigen. Wir werden von dem, was wir Glück nennen, genauso überrascht, wie von dem, was uns Unglück scheint. Jähe Wendungen des Lebens sind genauso wenig vorhersehbar wie lange Strecken der Langeweile. Deshalb brauchen wir Hoffnung, Erzählung, Schlaf, Droge, Ablenkung, Trost. Die Hoffnung wird am meisten kritisiert, manche glauben gar, dass nur Narren hoffen. Hoffen hängt mit Wahrscheinlichkeit zusammen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Lottogewinn ist zum Glück genau so klein wie für den Blitzschlag. Die Wahrscheinlichkeit dagegen, dass wir jemanden erfreuen können, ist groß, wenn  wir nur genug dafür tun. Jeder hofft zurecht, dass er ein besserer Mensch werden kann. Niemand wird zum Narren, der hofft und harrt, erzählt und tröstet, schläft oder sich betäubt, wenn die Schläge des Schicksals zu hart scheinen. Wenn Sinus das Kreuz des Lebens ist, dann ist Cosinus die Lust des Strebens.

Das Leben ist kein Kalkül. Es hat demzufolge mit Zahl und Geld nichts zu tun. Das Geld ist nur eine Projektion der Zeit, die wir zur Verfügung haben und für     etwas ausgeben. Genauso wenig ist das Leben digital abbildbar, wenn uns das     auch   Netz und Filme und Spiele immer wieder suggerieren wollen. Das Leben bleibt das Leben aus Fleisch und Blut, fragil, verletzlich, kostbar. Das Leben hat     Würde und muss seine Würde behaupten, nur die Dinge haben einen Preis. Die besten Dinge aber sind die Geschenke, die Gaben, die ebenfalls keinen Preis, sondern eine Würde haben. Der schönste Satz, den ein Mensch zu einem anderen sagen kann, ist deshalb: du musst dich nicht bedanken, denn du bist das Geschenk. Das Leben ist kein Kalkül, und das einzige, was keine Inflation hat, ist das Wunder.  

Liebe ist die weiteste und größte Lösung aller unserer Probleme und unseres Schicksals. Sie eröffnet neue, weite Horizonte, weil sie sich anderen Menschen zuwendet.  Wenn die maximale Kommunikation dadurch zustande kommt, dass ein liebendes Paar in einem leeren Zimmer schweigt, dann schließt dies aber auch die gesamte Menschheit aus. Deshalb ist Liebe, wie jeder weiß, mehr als die individuelle Liebe zwischen zwei Menschen. Liebe, die die Menschheit einbezieht, ist Nächstenliebe oder Solidarität. Jedem Menschen ist das Kindchenschema eingeboren, viele haben das Helfersyndrom. Wer kalt ist, wird erfrieren. Wem kalt ist, wird geholfen. So funktioniert Gemeinschaft, ohne die wir nicht sein können. Gehe in ein fremdes Dorf irgendwo auf der Welt: man wird dir Tee bringen und deine Schuhe trocknen! Alles, was du brauchst, um keine Angst zu haben, ist Liebe, aber alles, was du brauchst, um zu lieben, ist, keine Angst zu haben. Liebe ist aber auch geben, ohne nehmen zu wollen. Nicht zufällig stammt einer der schönsten Sätze des Weltdenkens aus einer Liebestragödie: the more i give, the more i have: je mehr ich geb, je mehr ich hab. [Shakespeare, Romeo und Julia]

Die tiefste Lösung aber für den Menschen ist der Glaube. Mit ihm und sich ist der Mensch allein. Wir glauben an etwas, das größer ist als wir, und wir bauen Häuser, die mehr sind als Schutz vor Regen und Sonne. Mit dem Tod aber können wir nur leben, weil wir nicht an ihn glauben. Es ist nicht wichtig, wie wir das, woran wir glauben, nennen, wenn es nur größer ist als wir selbst und die Summe von unseresgleichen. Hiob und Grünspan stellen sich einen Gott vor, den es nicht geben kann, der ihr Leben verwettet und verspielt. Das ist menschlich, aber nicht göttlich. Nur Ultraorthodoxe können sich den Teufel als Tatsache, aber den Frieden  als bloße Metapher vorstellen. Tiefer Friede kommt aus tiefem Glauben. Das ist die Tiefe des Menschen. Glaube ist immer einsam. Gruppe dagegen ist Therapie und auch oft nötig. Die Frage, ob Hiob wirklich glaubt oder nur aus opportunistischen Gründen seinen Glauben bekennt, ist ebenso unbeantwortbar wie universell und unnütz. Wir wissen letztlich nicht, ob jemand, der sagt, dass er uns liebt, nicht sich und seine Befriedigung meint. Wir müssen es glauben, wir wollen es glauben, wir sollen es glauben. Aber genauso wenig wissen wir, wenn wir annehmen, dass wir glauben, ob wir uns nicht Vorteile bloß von der Einhaltung der Regeln, der Traditionen und Rituale versprechen. Wer – außer Grünspan – wäre kein Opportunist?

Hiob ist die Parabel für die Inflation schlechter Nachrichten. Aber sind es auch schlechte Dinge? Ist Hiob zum Schluss nicht stark und demütig, und ist freiwillige Demut nicht der Stärke gleichzusetzen? Hiob belehrt uns, aber wir wollen ihm nicht nacheifern, im bösen nicht, aber auch im guten nicht. Aber jeder von uns kennt einen: der den Schmerz ausgehalten hat, der das böse Schicksal angenommen hat, genauso wie vorher das gute. Wir wissen nicht, ob es einen Gott gibt, der unser Leben verwetten könnte, wenn er wollte, und der den Weg jeder einzelnen Ameise vorbestimmt. Aber wir wissen und glauben, dass es unsere Aufgabe ist, nicht aufzugeben, wieder aufzustehen, dem Nachbarn zu helfen, Gutes zu tun. Es ist gleich gültig, ob wir die Aufgabe als von Gott gegeben annehmen oder mit der Muttermilch der Menschlichkeit in der Vatersprache der Güte aufgenommen oder sogar beides, das ist gleich gültig, wenn wir nur mehr tun als haben zu wollen und sein zu sollen. Wir müssen mehr sein wollen: Geber und Gabe gleichzeitig.

 

GRÜNSPAN ALS FANAL

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Woher wusste er, dass seine Tat schon am nächsten Tag in den Schlagzeilen aller europäischen Zeitungen stehen würde? Die Zeit ist nicht nur manchmal reif für Erfindungen oder Kriege, sondern auch für Fanale. Nicht alle Fanale jedoch werden gehört und gesehen. Sein Fanal ist von den Nazis willig aufgegriffen, von allen anderen, Europäern und Amerikanern, aber ignoriert worden. Die Nazis hatten endlich einen Beweis und die anderen, wer weiß, sahen sich in einem Vorurteil bestätigt. Aber in welchem? Wir alle wissen heute, dass es eine Verschwörung der Menschen aus dem schtetl[1] nicht gegeben haben kann. Vielmehr ist Grünspan ein Vorbote der Schulversagergeneration. Allerdings zählt dazu leider auch Hitler. Während man früher als Schulversager keine Chance hatte, ist das Widersetzen gegen die Welt der Erwachsenen bei manchen ein Synonym für Innovation, die, wie im Falle Hitlers aber auch ein Rückgriff sein kann. Grünspan dagegen wollte ein Signal dagegen setzen, dass der Staat sich das Recht anmaßen kann zu bestimmen, wer wo und wann sein darf oder soll. Die Freizügigkeit gehört zur Demokratie wie die Freiheit überhaupt, die Selbstbestimmtheit und  die Intimsphäre. Er sah etwas verletzt, was zum Menschen gehört, aber damals noch nicht Allgemeingut war. Die Länder, die nicht so antisemitisch wie Deutschland und Polen waren, öffneten sich aber auch nicht sofort und vollständig für den zu erwartenden Flüchtlingsstrom, sondern gaben den Deutschen insgeheim Recht: ein Jude aus Polen zu sein bedeutete damals nichts Gutes. Fügt man dann noch Frau und Linkshänder hinzu, werden alle Vorurteile durch den Namen Curie hinweggefegt. Grünspan wollte zeigen, dass es unrecht ist, dass man erst zweifacher Nobelpreisträger sein muss, um überall geduldet zu werden. Dulden ist auch das falsche Wort. Jeder Mensch muss überall ganz selbstverständlich sein, dann wird die Welt bewohnbar. Der Streit zwischen Freiheit und Ordnung darf nicht Menschen opfern. Loyalität schließt den Tod nicht ein. Hätte Grünspan die heute zugängliche Literatur gelesen, so hätte er wissen können, dass in diesem Sinne seine Tat auch ‚falsch‘ war. Selbst wenn Tyrannenmord als Ausnahme vom Tötungsverbot bestehen bleibt, so kann man sich nicht beliebige Projektionsopfer wählen. Töten ist immer falsch, aber die Schuld am Töten kann man jetzt nicht Grünspan aufbürden, der intelligent genug war, aber nicht genug Zeit hatte, darüber nachzudenken. Grünspan wollte nicht gezwungenermaßen staatenlos sein, aber auch nicht freiweiliig tatenlos. In bezug auf die Wahl seiner Mittel ist Grünspan ein Opfer des Zeitgeistes, aber für das, was er tat, gehört er auf die Liste der Weltinnovatoren. Grünspan ist der Vorkämpfer gegen jede Willkür der Behörden, die schon Hiob und Hamlet beklagten und die auch heute noch so viel Schaden anrichtet, obwohl die Behörden wissen können, dass sie Diener und nicht Herrscher sind. Auch ist er das letzte mögliche Signal gegen den Racheimpuls, der in jedem von uns als archaisches Element steckt, dem von Goebbels schon einen Tag nach Grünpans Tat brutal und alttestamentarisch nachgegeben wurde, der aber für immer geächtet ist durch die Unverhältnismäßigkeit. Das Leid wird durch Rache immer verstärkt, vergrößert. Dagegen verbessert sich das Gesamtsystem, wenn man etwas für andere tut. Das gilt sogar auch für die Grünspan-Initiative. Denn wir wissen heute, dass man Menschen nicht hindern darf, dahin zu gehen, wohin sie wollen. Leben – und wieviel mehr fliehen – heißt aber immer Risiko. Man kann das Leben genauso wenig optimieren wie Märkte, Regierungen und Wasserströmungen. Auch dafür ist Grünspan ein Zeuge. Er ging mit fünfzehn Jahren ohne Schulabschluss von seinen Eltern weg und es ist ihm alles gescheitert, außer in die Geschichte als leuchtendes Fanal einzugehen. In dem Punkt ähnelt er Gavrilo Princip. Auf den wenigen Fotos, die es gibt, sieht er nicht glücklich aus. Er ist gerade von der französischen Polizei verhaftet worden. Glücklichsein scheint nicht der Sinn des menschlichen Lebens zu sein, nur zu leben, ohne etwas zu tun, aber auch nicht.

Niemand von uns kann die Konsequenzen seines Handelns absehen, nur machen die meisten so wenig, dass  man die Folgen vernachlässigen kann. Es wäre also fatal, wollte man die Ermordung des Legationssekretärs Ernst vom Rath als voraussehbares Signal zum Holocaust deuten. Also etwa so: Hitler hätte sich nicht getraut sechs Millionen Menschen umzubringen, wenn Grynszpan[2] nicht vorher den Botschaftssekretär erschossen hätte. Das ist absurd, so kann es nicht gewesen sein, vielleicht war es nicht einmal so, dass die Nazioberen auf ein Signal gewartet haben. Dafür dass sie gewartet haben, spricht eigentlich nur der erste September 1939, wo sie den Anlass, das Signal auf perfide Weise selbst geschaffen haben. Auch zum neunten November 1938 kann man annehmen, dass Goebbels nachgeholfen hat, denn der Legationssekretär hatte außer den Schussverletzungen auch eine Krankheit, die er sich durch homosexuellen Geschlechtsverkehr zugezogen hatte. Wenn man ihn sterben ließ, und dafür spricht einiges, hatte man nicht nur einen Märtyrer mehr, sondern einen schwulen Nazi weniger. Indessen war Ernst vom Rath genauso wenig Nazi wie Grynszpan von der jüdischen Weltverschwörung beauftragt.  Vom Rath orientierte sich an seinem Onkel Köster, dem deutschen Botschafter in Paris, mit seiner kritischen Sicht auf die Nazis. Dieser Köster wurde wahrscheinlich von Hitler in Paris belassen, um dem Naziregime einen pluralistischen Anschein zu geben. Später wurde er ermordet. Grynszpan wurde von der Verzweilflung seiner ausweglosen Lage getrieben. Er hatte nirgendwo eine Aufenthaltgenehmigung. Als er hörte, dass seine Eltern und Geschwister nach Polen ausgewiesen worden waren, kaufte er sich vom ersparten Geld eine Waffe und ging in die deutsche Botschaft. Wahrscheinlich hat vom Rath ihn empfangen, weil er das genau so sah. Grynszpan ist ein Vorkämpfer der Freizügigkeit. Eigentlich wollte er dagegen protestieren, dass seine Eltern in ein Land ihrer Unwahl abgeschoben wurden, er aber nirgendwohin konnte, denn er war auch keine Pole mehr, Deutscher schon gar nicht, in Brüssel zeitweilig geduldet, in Paris illegal. Er war ein Europäer aus Hannover, der sich nach Geborgenheit sehnte, denn als er nach dem Einmarsch der Deutschen zufällig frei kam, begab er sich in die Obhut der französischen Behörden. Er war kein Anarchist. Was mag er dann im deutschen Gefängnis und im KZ Sachsenhausen getan und gedacht haben? Er folgte jedenfalls der Strategie seines französischen Verteidigers, indem er darauf bestand, dass er gar nicht hätte ausgeliefert werden dürfen und dass er vom Rath aus homosexuellen Kreisen kannte. Das rettete ihn vor einem Schauprozess mit Todesstrafe. Rettete ihm diese Argumentation auch das Leben? Vielleicht war es aber noch ganz anders. Grynszpan hatte sich eine Waffe gekauft, um den deutschen Botschafter zu erschießen. In der deutschen Botschaft angekommen, traf er auf Rath, den er kannte und der sich das Leben nehmen wollte, weil er diese furchbare Krankheit hatte. Rath riet ihm, ihn zu erschießen und den Botschafter zu verschonen. So haben sie beide in einem letzten Einvernehmen ihre Probleme gelöst. Wäre Grynszpan die Reinkarnation von Hiob, so hätte er überlebt. Er wäre vielleicht der US-Finanzminister geworden oder gewesen. Später glaubte er nicht mehr an Fanal und Rache, sondern an Worte. Er sagte zum Beispiel: Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meine. Er war in Satzkonstruktionen geflüchtet, denen niemand folgen konnte und sie deshalb lieber bewunderte als kritisierte. Er hatte erkannt, dass Zinsen, Schulden und Wachstum nicht nur rein quantitative Parameter sind, sondern auch durch die Qualität der dahinter stehenden Leistungen und Waren bestimmt sind. Das alles hätte er nicht wissen können, wenn er nicht an jenem neunten November den Mann erschossen hätte, der erschossen werden wollte, aber damit gelichzeitig das Fanal für die Würde des Menschen geliefert hat. Er war der moderne Hiob.

[1] jiddisch für Ghetto

[2] polnische Schreibweise