DER WÄRE 1933 MITMARSCHIERT (2)

 

Nr. 307

Die Rechten wollen nicht mehr Rechte sein, die Linken nicht mehr Linke. Die Reichstagsmetaphern haben ausgedient. Zwei Linien scheinen sich zu kreuzen, deren Wirkung wir noch nicht ganz verstehen: auf der einen Seite haben Bildung, Demokratie, Wohlstand und Freiheit zu einer Individualisierung geführt, die früher und für manche heute noch nicht vorstellbar war und ist; auf der anderen Seite gibt es ein Überangebot von meist überflüssigen Informationen, so dass sich zwar jeder ein Urteil bilden könnte, aber wir alle sind gehindert durch unsere wachsende Inkompetenz.

Als Information oder Nachricht werden viertelstündlich auch Absichtserklärungen von Hinterbänklern der Parlamente verbreitet. Minderheiten, rechts und links der immer wieder beschworenen Mitte der Gesellschaft, werden überdurchschnittlich oft zitiert. Wir wissen genau, was Gauland und Wagenknecht gestern gesagt haben, aber wir verstehen immer weniger, dass Politik ein äußerst kompliziertes Geflecht von Versuchen und Kompromissen ist. Trump gibt mit seinem fortwährenden Getwittere sogar bessere Einblicke in dieses Kontinuum von Widersprüchlichkeiten als mancher seriöse Politiker, der noch alte Vorstellungen von Diskretion hat. Auf der anderen Seite müssen die Bilder eines betrunkenen Kommissionspräsidenten der EU für deren Schwächen herhalten.

Die ganze Menschheitsgeschichte hindurch, also lange vor rechts und links, zeigen sich zwei Tendenzen, die deshalb auch in den alten Schriften stehen: dass nämlich jegliches seine Zeit hätte und dass uns die Übel, die wir haben, leichter zu ertragen sind als die unbekannten kommenden. Formuliert haben das der weise König Salomo, in der Antike wurde das Buch Kohelet, Sammler, genannt, der andere Sammler ist Shakespeare in seiner Tragödie über den Zauderer, im berühmten Monolog. Die andere Seite der Vergänglichkeit ist jenes: Turn! Turn! Turn! To everything there is a season. Dieses Zitat ist aus dem Lied eines Linken und meint sicher die Aufforderung, die Welt zu verändern. Dass diese Veränderungen keine Verbesserungen waren, wissen wir heute. Aber bei dieser Kritik wird leicht übersehen, dass jenes turn, turn, turn einfach auch eine Beschreibung der Welt ist: alles ändert sich. Unsere Interpretation will dagegen, dass vieles so bleibt wie es ist. das beschreibt Shakespeare im Hamlet und das ist wohl der Grund, warum das Drama seit vierhundert Jahren auf der Bühne und das Zitat in aller Munde ist. Wie eine Illustration dazu wirkt das eigenartige Verhalten der Politiker, die sowohl die Ausreise als auch die Einreise verhindern wollen. Alles soll so bleiben. Die Menschen aber gehen den Veränderungen der Natur, der Kultur, der Politik, des Marktes nach und verändern sich mit ihnen. Das kann man mit Beharren, aber auch mit Wandern. Als Millionen Deutsche oder Iren ihr Land verließen, gab es hilflose Versuche der Politik, dies zu verhindern. Als Millionen Deutsche 1945 ihre Heimat verließen, gab es hilflose Versuche, ihre Ankunft genau in dieser Stadt oder in diesem Dorf zu verhindern. Der Vorwurf: ihr seid Zigeuner, geht dahin zurück, woher ihr kamt. Allerdings griff hier die Politik moderierend ein. Die Industrialisierung wurde als grundstürzende Veränderung verstanden, Millionen Menschen wurden heimatlos und zogen in die Städte. Grenzen verschoben sich, Völker wurden zwangsumgesiedelt. Aber am Rand des Geschehens steht immer eine kleine Gruppe mit einem Deutschlandhütchen auf dem Kopf oder einem roten Fähnchen in der Hand und ruft STOP. Im Raum kann man anhalten und sogar rückwärts fahren, in der Zeit geht das nicht. Obwohl fast nichts gestern besser war als heute, inzwischen gibt es eine schöne Buchserie dazu, sehnen wir uns nach einem scheinbar sicheren Gestern. Weil es nicht so schön ist zu altern, sehnt man sich nach seiner Jugend zurück, nicht weil man deren Unsicherheit und Unfreiheit plötzlich höher schätzt. In Russland sehnen sich viele Menschen nach der Sowjetunion, nicht weil sie plötzlich wieder nach Lebensmitteln anstehen wollen, sondern weil sie sie besser kannten. Es gibt Menschen, die von der DDR träumen, weil sie die Wundräder nicht verstehen. Andererseits gibt es erstaunlich viele Menschen, welche noch im hohen Alter nach vorne sehen und keinesfalls die Stillstandspartei oder die Zwangsfortschrittsparteien wählen. Erstaunlich viele Menschen verstehen, dass die Welt täglich komplexer und damit weniger evident wird. Das hindert die anderen vielen nicht, es umgekehrt zu sehen.

Die Welt ist nicht logisch, alle Versuche, sie in ein Schema des Verstandes allein zu zwängen, sind gescheitert. Allen voran ist es Hegel gewesen, der das Werden mit Fortschritt und das Unverständliche mit dem Mangel des Verstandes erklärte. Aber kaum war Hegel ein ‚toter Hund‘, wurde schon im sächsischen Dorf Röcken der kleine Nietzsche geboren, der schon als Schüler die Welt in Erstaunen versetzte: „Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn, der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Konklusion noch niemand zu ziehen gewagt hat.“ Nicht Reiche währen tausend Jahre, sondern unabsehbare Konklusionen, und deshalb lohnt es, den alten weisen König Salomo immer wieder zu lesen, Shakespeare ist uns ohnehin nah.

Wer die Welt anhalten will, hat schon verloren. Überall werden solche Parteien gewählt, weil viele Menschen an die einfachen Lösungen glauben wollen. Aus ihrem täglichen Leben wissen sie es besser, aber sie versuchen es zum wiederholten Mal: vielleicht ist der US-Imperialismus schuld, oder Rothschild oder Rotfront, die Immigranten oder die Auswanderer, die Politiker oder die politikverdrossenen Wähler, die Kirche oder die Ungläubigen, der Werteverlust oder die Konservativen.

Die Frage ist falsch gestellt. Es ist niemand schuld. Und wenn jemand schuld wäre, würde seine Erschießung auch nichts am Lauf der Welt ändern. Obwohl Tuchatschewski erschossen wurde, hat Russland im zweiten Weltkrieg gewonnen, obwohl Rathenau erschossen wurde, ist Deutschland Exportweltmeister geworden, obwohl Martin Luther King und Kennedy erschossen wurden, wurde ein Afroamerikaner Präsident der USA. Die Schuldfrage ist die personalisierte Warumfrage. Auch sie kann man nicht beantworten. Wir wissen meist noch nicht einmal, was gestern war, aber diskutieren die Steinzeit. Das Gedächtnis ist exorbitant, aber selektiv. Der amerikanische Präsident, der die falscheste und nationalistischste These aufgestellt hat, vergaß gestern, wie die amerikanische Flagge aussieht. Das ist auch nicht schlimm, denn eine Fahne ist ein Stückchen Tuch, das morgen verweht und vergangen sein wird.

Advertisements

DAS PITTSBURGHPROBLEM UND DAS FAHRRAD

 

Nr. 245

In diesen Tagen wird zurecht der alte Scholl-Latour bemüht, denn den Egoisten unter uns reicht die wirre Argumentation von Trump, LePen, Petry, Orban und Konsorten nicht aus. Der Altmeister des Besserwissens, Scholl-Latour, hatte seinerzeit gesagt, dass man nicht halb Kalkutta hierher holen könnte, weil man damit Kalkutta nicht hülfe, aber selbst bald Kalkutta wäre. Trump hat darauf geantwortet, indem er das Klimaabkommen von Paris mit den Worten aufkündigte, dass er von den Bürgern in Pittsburgh gewählt worden sei, nicht von denen in Paris. Beide Sätze sind schon einmal faktisch widerlegt. Aus Indien kommen heute höchstens Computerexperten zu uns. Jede Hilfe für Indien hat sich gelohnt, denn Indien ist sowohl ein demokratisches als auch, wirtschaftlich, ein aufstrebendes Schwellenland. Obwohl es noch beträchtliche Probleme gibt, kann man schon jetzt sagen, dass Indien so ziemlich alles richtig gemacht hat: es setzt auf Bildung, Demokratie und Marktwirtschaft. Das anhaltende Bevölkerungswachstum, welches aber nur knapp über dem Weltdurchschnitt liegt, ist auf die gestiegene Lebenserwartung und verbesserte Gesundheitsvorsorge zurückzuführen. Der Satz von Kalkutta war also sachlich falsch. Trump hat in Pittsburgh nur 20% der Stimmen erhalten, die Pittsburgher wollten mit überwältigender Mehrheit Hillary Clinton als Präsidentin.

Trump hätte sich einfach beraten lassen müssen. Wahrscheinlich hat er Pittsburgh wegen der Stahlkrise gewählt, hat aber schon übersehen, dass die Stadt ein positives Beispiel für den Strukturwandel ist. Er wollte eigentlich sagen, dass er Politik für Amerika macht. Aber das ist eben genauso falsch, wie zu glauben, dass man nicht für das Leid in anderen Ländern zuständig sei: Deutschland ist nicht der Zahlmeister, so oder so ähnlich heißt es bei NPD oder AfD.

Tatsächlich ist es aber ein bisschen komplizierter. Wahrscheinlich beruht unsere Vorstellung von der Welt tatsächlich auf dem christlichen Gedanken- und Weltparadigma. Aber auch die christliche Vorstellung war kein Weihnachtsgeschenk. Allein an der Ähnlichkeit der Gedanken von Seneca und Yesus, ja selbst an der lateinischen Version seines Namens, kann man die Vielfalt ihrer Herkunft sehen. Römisches Recht, im Falle von Yesus auch Unrecht, griechische Philosophie, ägyptischer Lichtglaube, germanische Feste, orientalische Weisheit und Metaphernlust, all das fand sich nicht in der Person des Yesus zusammen, sondern in dem sich entwickelnden christlichen Europa, was keinesfalls nur positiv war. Trotz aller Kriege und Massenmorde blieb aber in Europa der universelle Ansatz der Barmherzigkeit eine Grundierung. Die Barmherzigkeit ist dann auch durch den vielleicht größten Konservativen der Geschichte, Bismarck, in den Sozialstaat umgeschmolzen worden. Heutige Rechte verstehen nicht mehr, warum ein notleidender Mensch, der über unsere offene Grenze zu uns kommt, hier Anspruch auf Linderung seiner Not hat. Genauso wie der Artikel 1 unseres Grundgesetzes die Würde aller Menschen schützt, nicht nur durch den Zufall der Geburt selektierter Menschen.

Handel und Kultur beruhen auf Austausch, überhaupt beruht das Leben auf Stoffwechsel. So gesehen gibt es zwei Grundmodelle von Handel und Kultur, Expansion und Intensivierung. Man kann es sich gut an der Landwirtschaft vorstellen. Wenn eine Bevölkerung durch verbesserte Lebensbedingungen wächst, braucht sie mehr Nahrung. Entweder ich gewinne neue Flächen oder ich intensiviere den Anbau auf den alten Flächen. Alle großen Reiche haben den Fehler der Expansion gemacht und sind daran gescheitert. Im zwanzigsten Jahrhundert könnte man die beiden Modelle auch als Hitler-Expansion und Rathenau-Intensivierung bezeichnen. Wir haben uns inzwischen so stark und erfolgreich auf das Rathenau-Modell konzentriert, dass weltweit unser Handelsüberschuss kritisiert wird. Allerdings ist es nicht nur falsch, sondern verheerend, wenn andere Länder dem mit Schutzzöllen begegnen wollen. Hier liegt der nächste Irrtum von Trump. Wahrscheinlich ist es heute, im Gegensatz zum Bismarckschen Protektionismus, gar nicht mehr möglich eine so große Volkswirtschaft abzuschotten. Isolierte Länder haben nach ihrer Öffnung noch Jahrzehnte mit den Folgen zu kämpfen, so ist Albanien nach wie vor das ärmste Land Europas.

Ich empfehle jedem, einen Sommerbesuch in Bad Freienwalde zu machen und Rathenaus zu gedenken, der ein merkwürdiger und gleichzeitig großartiger Mensch war. Wir würden zwar nicht seiner Kritik folgen, müssen aber seinen Scharfsinn in der Vorhersage bewundern: „Ein Sinnbild entarteter Naturbetrachtung ist die Kilometerjagd des Automobils, ein Sinnbild der ins Gegenteil verkehrten Kunstempfindung das Verbrecherstück des Kinematographen.“  [Zur Kritik der Zeit, 1912]. Der Mann besaß nicht nur den damals weltgrößten Elektrokonzern, sondern auch eine Automobilfabrik.

Der dritte Grund schließlich, inwiefern die beiden Sätze falsch und dumm sind, ist das Allmende-Dilemma in seiner sozusagen erweiterten Betrachtungsweise. Das Gesamtsystem verbessert sich in jedem Fall, auch wenn dies zunächst unbemerkt bleiben könnte, wenn sich ein Teilsystem verbessert. Das kann auf den ersten Blick auch als Begründung grenzenlosen Egoismus gedeutet werden. Aber schnell zeigt sich, dass die Belastung umso größer wird, je mehr Probleme ungelöst bleiben. In einem Flüchtlingsboot etwa, in dem Schwache und Verdurstende über Bord geworfen werden, wie oft behauptet wird, wird das Boot leichter, aber das Gewissen immer schwerer. Menschen, die so handeln, können nicht mehr froh werden. Der Weg in die Freiheit, der mit schweren Verbrechen gepflastert ist, endet im Gefängnis der Schuld. Die Wikinger sollen so vorgegangen sein und werden von allen Sozialdarwinisten dafür gefeiert. Aber wo sind sie?

Hilfe ist also nicht Selbstlosigkeit oder Geldverschwendung, sondern dient immer auch dem Helfer. Vielleicht sind deshalb alle autokratischen Systeme so sehr dem Individuum abgewandt, weil sie gar kein Selbst haben wollen. Es sind die Menschen ohne Offenheit. Hochintelligenz findet ihren Sinn in der Mitteilung, im Austausch.

Der Freiherr von Drais mag ein verschlossener, merkwürdiger Mensch gewesen sein. Er war dem Alkohol ergeben und wurde schließlich entmündigt. Aber seine Kreativität entlud sich in Gedanken und Erfindungen, die heute noch wirken. Sein ‚Wagen ohne Pferde‘ war zwar nur ein Gedanke, aber dient heute der Kilometerjagd. Seine Notenschreibmaschine wies weit über ihre Entstehungszeit hinaus. Seine Schnellschreibmaschine mit nur vier mal vier Tasten setzte sich nicht durch, wohl aber seine ‚dyadische Charakterik‘ (Binärsystem), das Rechnen mit 0 und 1. Aber wir alle kennen die nachhaltigste seiner Erfindungen: das Fahrrad, das in dieser Woche vor zweihundert Jahren (am 12. Juni 1817) zum ersten Mal mit seinem Erfinder in Mannheim vierzehn Kilometer in einer Stunde fuhr.

Alles dient der Offenheit, nichts ist schlimmer als das Gefängnis der Vorurteile und monokausalen Erklärungen.

Wer also Kalkutta hilft, hilft auch immer sich selbst und verhindert, dass die ganze Welt zu einem Kalkutta wird, das es glücklicherweise nicht mehr gibt. Jeder Schüler der siebenten Klasse kann heute, wenn er ein Smartphone hat, schlauer sein als die genannten Besserwisser.  In Pittsburgh steht übrigens die Cathedral of Learning, das zweithöchste Universitätsgebäude der Welt.

PREKARIAT

 

Nr. 229

Es ist beinahe trivial festzustellen, fast schon sprichwörtlich, dass eine ganze Menge von Menschen glaubt, die Welt sei mit ihnen entstanden. Vorher war nur Schlamm und Dummheit. Unser Bewusstsein räumt uns selbst die Priorität ein, die wir als Selbstwert brauchen, um in den ebenfalls sprichwörtlichen Stürmen der Welt bestehen zu können. Die Stürme der Welt sind allerdings durch die Art des Wirtschaftens, durch den Sozialstaat und durch die Demokratie zu lauen Lüften aus Frühlingsgedichten gebändigt. Vor dieser Dreiheit war der Mensch durch Missernte, mangelnde Barmherzigkeit und Willkür der Eltern, Arbeitgeber und Staatsbeamten praktisch ständig existenziell gefährdet. Wer das Wort gegen die Obrigkeit richtete, dem wurde die Zunge aus dem Mund gerissen. Merkwürdig ist nur, dass es auch heute noch Menschen gibt, die an die Abschreckung durch Unmenschlichkeit glauben. Wären das Zungeherausreißen, das Blenden, Händeabschlagen und Hängen, das Kopfabschlagen, Pfählen und Vierteilen wirksam und abschreckend gewesen, dann säßen wir heute noch in einem solchen mittelalterlichen, finsteren und äußerst prekären Staat und würden auf Eselskarren ins Nachbardorf als weitestem Ort unseres gesamten kurzen Lebens reisen.

Nicht wenige glauben, dass es prekäre Verhältnisse erst gibt, seit eine sozialdemokratische Regierung Langzeitarbeitslosen geregelte, allerdings nicht besonders üppige Dauereinkünfte gesichert hat. Und diese Sicherheit nun wird immer wieder hinterfragt. Einerseits glaubt sich jeder Steuerzahler überfordert und rechnet einmal pro Jahr nach, wieviele Menschen von seinem Einkommen, seiner Differenz zwischen Brutto und Netto, leben. Andererseits rechnen die Empfänger von Transferzahlungen wöchentlich nach, was sie mit den drei Euro und siebenundachtzig machen könnten, die ihnen zustünden, aber verweigert wurden, sei es aus Abschreckung, sei es aus Mangel an vorliegenden Gründen. Das Wort ‚prekär‘ ist aber natürlich viel älter als die Geschichte Deutschlands. Es steht in jedem Lateinwörterbuch und heißt einfach ‚unsicher‘. Unsichere Verhältnisse sind jene, in die man zu geraten vermeiden sollte, wenn man kann, ist man aber darin, so sollte man versuchen, Oberhand zu behalten und schnellstmöglich herauszukommen. Wir streben immer nach Sicherheit, obwohl wir wissen, dass Abenteuer es sind, die uns eigentlich vorwärtsbringen. In gesellschaftlichen Umbruchzeiten neigen die Menschen dann auch zu Abenteuern. Als 1989 der Ostblock zerbröselte, hat die ganze Stadt Rostock und das ganze Land Albanien, jeweils auch durch ihre Stadt- und Landesregierung ermuntert, an einem Schneeballfinanzspiel teilgenommen. Es beruht darauf, dass jeder Teilnehmer Gewinn macht, und zwar von unten nach oben. Man muss also nur jedem Teilnehmer einreden, dass er zwar am Anfang ganz unten ist, aber mit jedem gewonnenen Neuteilnehmer sukzessive nach oben gelangt. Die einfache Rechnung, dass in einem Topf nicht mehr Geld sein kann, als man hineinwirft, wird von den Teilnehmern verdrängt und schließlich vergessen. Vielleicht verwechseln die Menschen auch den Besitz von Geld und seinen Verkauf, weshalb immer wieder, von Jesus bis Silvio Gesell, und dazwischen Gottfried Feder, Ideologien aufkommen, dass der Zins  der eigentliche Verderb des ehrlichen, einfachen, geraden Menschen sei. Gerade Menschen kann und darf es nicht geben, weil das Ideal und das Lot immer von Menschen gemacht wären.

Wir Menschen streben also nicht nur nach einer sicheren Menge von Geld, ungeachtet ihrer Größe, weil wir Geld für das Äquivalent von Glück halten. Bestenfalls ist es aber der Gegenwert von Brot, Kleid und Dach. Immer wieder werden hinter den komplizierten menschlichen Verhältnissen, darunter den ökonomischen und außenpolitischen, einfache Lösungen vermutet, die aber aus Dummheit, Böswilligkeit oder Berechnung nicht zum Einsatz kommen. Statt langsam zu glauben, dass es keine Wahrheiten gibt, sondern nur Varianten, wird immer wieder zurückgeblickt: Aber hinter uns liegt doch die gleiche Gemengelage von Erfolg und Scheitern, das gleiche Wechselspiel von Glück und Unglück, das uns auch nicht verunsichern sollte. Das geistige Prekariat sind also Leute, die glauben, dass allzu einfache Lösungen die komplizierten Probleme lösen können. Dass die Welt und ihre Erscheinungen im Gegenteil komplexer werden und dadurch die Lösungen immer differenzierter werden müssen, wird wohl kaum ein denkender Mensch bestreiten können. Allerdings wird schon bestritten, dass man denken muss, wenn man glaubt, dass die abgegriffenen Lösungen der Vergangenheit tauglich wären für immer komplexere Probleme. Dabei sind viele Probleme schon sozusagen eingezäunt worden: es gibt – außer Malaria und AIDS – keine der Pest oder der Cholera in bezug auf Mortalität und Verbreitung vergleichbaren Krankheiten. Diese beiden weltweiten und mit ungeheurer Wucht tödlichen Krankheiten haben sich ins sprichwörtliche Leben und Fühlen der Völker eingegraben, so dass man heute noch ein Dilemma mit der Wahl zwischen Pest und Cholera beschreibt, und das sollte man einmal an der Shell-Tankstelle in 89058 Scilla* gedacht haben. Zwar haben wir im Süd-Sudan und Somalia gerade eine Hungersnot und rund 800 Millionen Menschen hungern weltweit noch, aber jeder weiß, dass dieser Hunger leicht zu besiegen wäre. Wir liefern zwar Lebensmittel in solche Regionen, aber wir liefern auch Waffen. Wenn sich alleine Deutschland dazu entschließen könnte auf ein Prozent seines Exports, nämlichen den Waffenexport, zu verzichten und die dadurch verlorene Geldmenge in gleicher Höhe aus anderen Quellen in die Entwicklungshilfe zu geben, gleichzeitig die Ausgaben für Rüstung statt zu steigern zu senken, und die dadurch gewonnene Geldmenge in die Bildung zu stecken, dann wäre nicht nur ein Zeichen gesetzt, sondern auch tatsächlich geholfen. Der bedauerliche und höchst überflüssige Bürgerkrieg in Syrien wird leider von einigen Mächten als Projektionsfläche ihrer Machtspiele genutzt, aber wer wollte ihn ernsthaft behaupten, dass dieser Krieg dem zweiten Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg ähnlich sei? Es ist der Menschheit gelungen, große Probleme zu lösen (Pest, Hunger, Krieg). Die Weltlage ist nicht prekär und wird es auch nicht durch Trump, Petry und Le Pen. Prekär kann die Welt nur werden, wenn man jenen glaubt, die glauben, dass es einfache Lösungen geben könnte. Die Frage ist ja noch, ob sie es wirklich glauben. Wir können diese Frage ebenso wenig beantworten, wie die Frage, ob derjenige oder diejenige, die sagen, dass sie uns lieben, uns lieben, oder vielleicht vielmehr Kompromisse eingehen, um geliebt zu werden. Diese prekären Personen und Parteien sind also mehr missgünstigen Nachbarn zu vergleichen, die morgens um zehn bei dir klingeln und dir sagen, sie hätten gesehen, wie dein Liebster/deine Liebste IN WIRKLICHKEIT jemand anderen liebt. Prekär ist es, einen Gedanken für die Wirklichkeit zu halten. IST JEDES ANTI EIN MANGEL AN PRO?

ENTITÄTEN UND ID ENTITÄTEN

 

Nr. 215

Nichts ist mit nichts identisch, auch nicht mit sich selbst. Diesen Satz würde die Hälfte der Bevölkerung unterschreiben, aber die andere Hälfte könnte aufschreien: außer mir, und mein Nachbar denkt das gleiche. Die Gruppenbildung wird heute durch die Echowirkung der neuen und für praktisch jeden verfügbaren Medien erleichtert und verstärkt. Wirft jemand seine Wahrheit in den Raum, so springt sofort jemand herzu, der sie bestätigt. Sie bestätigen sich beide und finden bald einen Dritten, der die Welt auch so sieht. Die Gruppen lesen über lange Zeiträume nur ihre eigenen Botschaften. Es wäre falsch zu sagen, dass ihre Begriffe postfaktisch wären. Sie haben mit Fakten nichts zu tun. Es sind zu Fakten stilisierte Ängste, Befürchtungen und Vorstellungen, die zu Gewissheiten werden, je mehr sie sich wiederholen.

Man begreift, wenn man die Gegenwart genau betrachtet, den Hexenwahn besser. Er war, so wie diese eigenartigen Echos heute, eine Mischung aus tatsächlicher Angst und Denunziation. Denunziation ist auch Ablenkung von der eigenen Verantwortung und von der eigenen Angst. Das ist verständlich. Aber Denunziation ist auch so ziemlich das Niedrigste, besonders wenn sie mit der scheinbaren Allmacht von Kirche oder Staat kombiniert auftritt und den Denunzierten zum hilflosen Opfer einer omnipotenten Ranküne macht. Die Denunziation im Verbund mit der Macht ist die Verschwörung, die als Projektion von den Denunzianten den Denunzierten vorgeworfen wird. Wer anders hat mit dem Teufel gebuhlt als der Nachbar oder die Nachbarin, die die Nachbarin dem Feuer oder der Vierteilung auslieferte? Hoffentlich erinnern sich die Reformationsfeierer im nächsten Jahr, dass im protestantischen Minden viermal soviel Hexen verbrannt wurden als im katholischen Köln. Es verbessert oder modernisiert sich nie alles gleichzeitig. Manches bleibt aus guter alter Gewohnheit beim alten. Fast alle der Dutzenden Abspaltungen von den Protestanten waren Fundamentalisten. Nur die zurück gehen, wissen den Weg.

Die Krise der Demokratie, nicht ihr Ende, scheint nicht auf einem Mangel an Lebensmitteln zu beruhen. Die deutsche Kanzlerin betont, dass es uns nie besser ging als gerade jetzt, aber sie trifft damit nicht das Defizit, unter dem ihre Nichtwähler leiden. Ich wohne in einer Kleinstadt im äußersten Nordosten Deutschlands. Wenn hier in einer Diskussion Kritik vorgebracht wird, dann reagiert die führende Gruppe reflexartig mit immer derselben Argumentation: aber wir haben doch das Schwimmbad, die Freilichtbühne, das Parkfest und die neue Straße. Die neue Straße ist vierzig Jahre alt, von daher kommt auch die führende Gruppe. Aber sie versucht, wenn auch mit überholten Mitteln, die Identität, oft auch Heimat genannt, zu bewahren. Dagegen werden die Kreisreformen, die es hier seit über hundert Jahren gibt, die Identitäten der Menschen immer weiter abbauen. Ein paar Jahre später jedoch besteht wieder die Chance, dass genügend Neubürger die alte Zugehörigkeit nicht mehr kennen.

Wenn sich große gesellschaftliche Systeme im Umbruch befinden, reagieren die Menschen panisch. Aber dann sollten Institutionen da sein, die die Menschen beruhigen, ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Aber diese Institutionen müssen sich gerade auch in diesem Moment zum Reformieren zurückziehen. Der Staat schließt gerade dann seine Luken, wenn er am meisten gebraucht wird. Wir stehen konsterniert vor dem Häuschen mit dem Schild: Geschlossen aus Betriebsablaufgründen. Aber da drinnen wird nicht nachgedacht, sondern es werden die alten Schilder neu sortiert: Politikverdrossenheit, Modernisierungsverlierer, postfaktisches Zeitalter als Ersatz für schnelllebige Zeiten. Ein Schild wurde entsorgt: Alternativlosigkeit. Am besten ist: in Zeiten wie diesen.

Aber es geht nicht darum Politiker dafür zu schelten, dass sie auch nur Menschen sind, dass sie auch nur zwei Hände und einen Kopf haben. Es ist eher erstaunlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die es für ein bisschen Macht und bei uns in Deutschland nicht so viel Geld auf sich nehmen, ihr ganzes privates Leben zu destabilisieren, um nicht zu sagen zu zerstören. Und bei weitem nicht jeder von ihnen kommt in die Geschichtsbücher, was ein weiteres Motiv wäre. Viele verderben sich auch noch die Spanne zwischen dem Ende der Wirkmächtigkeit und dem Geschichtsbucheintrag.

Ein winziges Detail aus der jüngeren Geschichte mag veranschaulichen, dass der Zusammenhang zwischen ökonomischem und politischem Wohlbefinden schon lange nicht mehr entscheidend ist. Elena Ceaucescu rief ihrem Mann, dem stürzenden Diktator auf dessen letzter, scheiternder Kundgebung zu: Gib ihnen hundert mehr, denn der Lohn war in kommunistischen Diktaturen ebenfalls vom Staat diktiert. Bekanntlich haben die beiden den Tag nicht überlebt. Die letzte Rentenreform in Deutschland hat ebenfalls keine stabilisierende Wirkung auf CDU und SPD. Bedauerlich ist, dass es keine Aussicht auf eine andere Koalition gibt. In Großbritannien haben ebenfalls die älteren Wähler dafür gesorgt, dass die Taschenlampen ausgegraben wurden, um den Weg zurück zu finden: zurück aus Europa. Ein weiteres Ergebnis des Brexit könnte sein, dass die seit 1701 bestehende Personalunion des englischen Königshauses mit dem schottischen beendet wird.

Wir können uns tatsächlich unserer Identität nur rückwärtsgewandt versichern, da niemand die Zukunft voraussehen kann. Die Industrialisierung wurde nicht nur als Bedrohung gesehen, sondern fand sogar in einer ästhetischen Bewegung die wir heute noch schätzen, ihre Begleitung, nämlich in der Romantik. Und im allgemeinen Sinne ist Romantik heute immer noch: sich aus der allzu mobilen Welt zurückziehen, eine Kerze ins Fenster stellen und am besten zu zweit träumen. Es gab vehemente Widerstände gegen die Mobilitätsschübe durch die Eisenbahn und durch das Automobil, gegen die Entfremdung durch die Industrialisierung und die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts einsetzende Massenproduktion, der wir die Globalisierung verdanken. Es gab Proteste gegen die Amerikanisierung der Populärkultur in den zwanziger Jahren, die im Rassismus der Nazis ihren vorläufigen Höhepunkt fanden. Es gab in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg ein aus heutiger Sicht völlig unverständliches, fast pathologisches Festhalten  an alten, absolut untauglichen Werten, die keine waren: Prügelstrafe, Zuchthaus, Ächtung, Verbote gegen Amerikanisierung, Verweiblichung, Gleichmacherei, lange Haare, enge Hosen. Jugendliche wurden in beiden deutschen Ländern als halbstark bezeichnet von Männern, die ihre Arme und Beine und den Krieg verloren hatten. Wenn James Dean im Kino weinte, schrien diese Männer in ihrem Nazijargon etwas von Verweichlichung.

Obwohl es höchst unangenehm ist, mit Trump und Frauke Petry zu leben, letztlich beunruhigend ist es nicht. Sie werden vergehen, ohne Spuren zu hinterlassen. Das familiär-politische Korruptheitsbündel der Trumps, Erdoğans und Putins dieser Welt ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil es so gestrig ist und eine Identität vorspiegelt, die es nie wirklich gegeben hat.