DREI WÜNSCHE

Nr. 326

Wir lieben diese selbstgeschaffenen Einschnitte: Mitternacht, Silvester, Zeitenwende. In vielen Märchen gibt es aber auch WÜNSCHEFREI ohne jeden Anlass. Wenn ich also, mit welcher Begründung und zu welchem Anlass auch immer, drei Wünsche frei hätte, dann wären es diese:

1

JOURNALISTINNEN, DIE GESCHICHTEN ERFINDEN, SOLLTEN SIE WEITER ERFINDEN DÜRFEN

In der griechischen Antike wurden angeblich die Überbringer der schlechten Nachrichten getötet. ‚SAGEN, WAS IST‘ hat also schon sehr früh einen deutlich negativen Aspekt gehabt. Und auch damals schon konnte man ja niemals sagen, was ist, sondern immer nur, was man gesehen hat. Vor Troja stand keine Armee, sagte der Bote. Das war sozusagen sein letzter Wunsch. Seitdem hat die Menschheit an der Verbesserung der Verbreitung von Nachrichten gearbeitet. Als zum ersten Mal ein wirklicher Geschwindigkeitssprung in der Nachrichtenübermittlung erreicht worden war, am 24. Mai 1844, war der Satz kein Geheimnis und der Erfinder wusste nicht, ob es überhaupt Sinn machte, dass beispielsweise die Bewohner von Maine wenige Minuten nach dem Brand einer Scheune in Maryland davon Kenntnis hätten. Der erste Satz, der mit Blitzgeschwindigkeit von Washington D.C. nach Baltimore telegraphiert wurde, lautete WAS HAT GOTT GETAN? Er steht in der Bibel, Numeri 23,23. Jeder hätte ihn auch ohne Samuel Morse und seinen Supertelegraphen wissen oder lesen können. Zwischen Adressat und Absender gibt es also eine große Sinndifferenz bei gleichzeitiger Redundanz. Allein der biblische Satz, der in English What hath God wrought?, also nicht getan, sondern gewerkt lautet, bringt es mit und ohne Kontext auf bestimmt 4000 Interpretationsvarianten. Der Kontext handelt übrigens auch vom Informationsgehalt der Trompeten.

Samuel Morse war im Hauptberuf Maler und Professor für Kunstgeschichte. Eines seiner berühmtesten Gemälde heißt ‚Gallery of Louvre‘. Er hat es während einer Choleraepidemie gemalt, als die meisten Einwohner von Paris die Stadt fluchtartig verließen, und es zeigt vierzig der berühmtesten Gemälde des Louvre, in deren Mittelpunkt der Maler selbst steht, dem seine Tochter beim Kopieren hilft. Information ist also Erzählung. Sagen, was ist, heißt also sagen.

Die Leser berühmter oder auch weniger berühmter Zeitungen und Magazine glauben selbstverständlich, dass, was in ihren Blättern steht, auch der Wahrheit entspricht. Demzufolge müsste es zeitgleich mit den Fakten eine genaue Abbildung geben, das ist noch nicht einmal mit hochauflösender Fotografie oder Permanentvideos möglich. Niemand kann sagen, was ist, sondern nur, was er oder sie gesehen hat. Und während wir das, was wir gesehen haben, aufzuzeichnen versuchen, wird es mit unseren Erfahrungen, unserem individuellen Bilder- und Gedankenarchiv abgeglichen. Dann muss es noch emotional und intentional mit dem übereinstimmen, was, wie und wohin wir wollen. Wenn man das alles bedenkt, dann ist es doch klar, dass irgendwann ein Journalist auf die Idee kommt, dass er nicht an den Ort fahren muss, von dem er berichtet, denn gedruckt wird ohnehin nur das, von dem die Redaktion meint, dass es die Leser ebenso sehen werden und sehen wollen. US-amerikanische Bürgerwehren haben schon afroamerikanische Jugendliche getötet, weil die Tüte mit Popcorn, die sie trugen, wie eine Waffe aussah, und das Tempo nach Flucht. Der Spiegelreporter hat von einer völlig blödsinnigen Bürgerwehr berichtet, die mit acht Mann versucht, an der Grenze nach Mexiko illegale Übertritte zu verhindern. Die Grenze ist etwas über dreitausend Kilometer lang. Mehr muss man nicht wissen. Jede weitere Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit den Fakten, die nur Gott wissen kann, wäre Redundanz.

Interessant wäre es zu erfahren, was Samuel Morse für seine größere Leistung hielt: den elektrischen Telegraphen samt seiner eigenen Schrift, von dem die Politiker glaubten, dass er die Welt revolutionieren würde, oder das Gemälde ‚Gallery of Louvre‘, von dem er meinte, dass es jungen Künstlern dienen würde, die nicht nach Europa fahren könnten.

2

MINISTERINNEN, DIE ARMEEN ZERSTÖREN, SOLLTEN SIE WEITER ZERSTÖREN DÜRFEN

Interessant an der Regierung Merkel sind nicht die langweiligen Zwischenjahre, sondern die jähen Wendungen. Die vielleicht schillerndste Wendung war die Abschaffung der Wehrpflicht. Die CDU hatte wie alle konservativen Parteien lange vorgegeben zu glauben, dass die Gesundheit der Nation ausgerechnet von dieser in alten Ritualen erstarrten, mit sexistischen Witzen übersäten, an das Erbe der Wehrmacht sich klammernden und gleichzeitig epigonal den Amerikanern folgenden Männertruppe abhängen würde. Schon Willy Brandt sagte deutlich in diese Richtung: Die Schule der Nation ist die Schule. In Deutschland (und wahrscheinlich auch in vielen anderen Ländern) wurde bestimmt einhundertfünfzig Jahre lang die Frage diskutiert, wieviel dieser Männerkultverein zur Mannwerdung beiträgt. Und Mann hieß nicht Geliebter oder Vater, sondern gehorchendes und funktionierendes Teil einer Vernichtungsmaschine. Es bedurfte zweier Weltkriege und einer Hannah Arendt um zu verstehen, dass das meiste, was in einer Armee gelernt wurde, der eigenen Vernichtung diente, aber erst, nachdem man ein Maximum an Unheil hergestellt hat. Wer das für übertrieben hält, der fahre nach Verdun. Dort liegen eine Million dieser so erzogenen Männer. Sie waren gerade einmal 18 Jahre alt. Und das war vor dem zweiten Krieg.

Trotzdem hielten die links- und rechtselbischen Konservativen in Deutschland an der Wehrpflicht, die erfunden worden war – und die Epoche der Söldnerheere ablöste -, um mit Napoleon sowohl die Fremdherrschaft, die Demokratie und die Freundschaft zu Frankreich abzuwehren, fest. Ein junger Mann, der sich im Osten Deutschlands unter Qualen und mit Gefängnisaufenthalten der Wehrpflicht entzogen hatte, wurde nach der Wiedervereinigung von der Bundeswehr und der mit ihr kooperierenden Justiz erneut ins Gefängnis gebracht. Das war der Tiefpunkt demokratischen Verständnisses: Regeln sind wichtiger als Lernen, vor allem musst du Unterordnung lernen.

Der letzten merkelschen Verteidigungsministerin wird nun vorgeworfen, dass sie den seit Jahrzehnten andauernden Verfall des Werte- und des Techniksystems der Bundeswehr nicht aufhält. Das merkwürdige dabei ist, dass sie ihren eigenen politischen Verfall auch nicht aufhalten kann. Sechzig Jahre nach dem letzten Krieg haben wir die Wehrpflicht abgeschafft. Da sich alle Prozesse beschleunigen, können wir davon ausgehen, dass wir dreißig Jahre nach dem Ende des kalten Krieges bemerken, dass wir keine Feinde mehr haben. Keine Feinde zu haben, bedeutet vor allem, selbst keine Feindschaft zu beginnen und zu pflegen, dann wird einem auch mit Freundlichkeit geantwortet. Von diesem zu einfachen, zu linearen Prozess muss man noch die Irritationen durch die Autokraten abziehen. Insgesamt gesehen aber braucht schon lange nicht mehr jedes Land eine Armee. Dänemark zum Beispiel ist hochgerüstet und gehört der NATO an. Es ist schon vorgekommen, dass ein von Jagdfliegern eskortiertes Transportflugzeug der königlichen Luftwaffe die Dackel der Königin Margarethe II. in deren Urlaubsresidenz Château de Cayx verbrachte. Montenegro, ein weiterer Kleinstaat, so groß wie Düsseldorf, besitzt 61 Panzer, die aber aus Kostengründen stillgelegt sind.

Die Gesamtwelt ist leider nicht feind- und aggressionsfrei. Deshalb muss es – leider auch bewaffnete – UNO-Truppen geben, zu denen die reichen Länder viel beitragen sollten. In einer Übergangszeit kann man auch über eine europäische Eingreiftruppe nachdenken, die von Großbritannien und Frankreich militärisch, von Deutschland finanziell und von den skandinavischen Ländern politisch geführt werden könnte.

Das Hauptargument der Gegenseite lautet, so etwas wäre Sozialromantik. Aber was spricht gegen Sozialromantik, wenn die sogenannten Realisten nur mit meist ziemlich gestrigen Wunschträumen regieren?

Alle großen Politiker waren Sozialromantiker, alle Sozialreformer sowieso. Es ist uns eine übergroße Ehre, zur Partei von Matin Luther King und Albert Schweitzer gehören zu dürfen. Nur die Militärs waren keine Sozialromantiker, aber die haben auch alle verloren. Die Qualität des Schimpfwortes Sozialromantiker ist auf der Ebene von ‚unmännlich‘*. Menschen, so heißt es manchmal, wurden hingeschlachtet wie Vieh. Will man damit sagen, dass Massentierhaltung und das Töten der letzten Elefanten wegen der Elfenbeinfigürchen moralisch höherstehend sei als Krieg? Diese vergleiche und diese Pejorative sind alle von gestern.

Es kann nur eine sinnvolle Schlussfolgerung geben. Die möglicherweise unfähige Ministerin hat recht, die Bundeswehr gehört in den Schrott, sowohl real als auch metaphorisch. Wir schleppen ein Paket aus der Vergangenheit mit uns herum, das nicht gebraucht wird. Man könnte jetzt schon das Geld verteilen – es sind knapp 35 Milliarden € jährlich -, aber das ist müßig. Wir wollen nur darauf verweisen, dass es in Deutschland mehrere Millionen Menschen gibt, deren Lebenssinn einseitig im Konsum besteht. Man könnte einen dritten Bildungsweg installieren und ihn Sozialromantik nennen.

3

LESERINNEN, DIE SICH ZU EINER GRUPPE RECHNEN, SOLLTEN DIE TEXTE DER GEGENSEITE ZUENDE LESEN

Wäre der einzige Impuls Neugier und das einzige Ergebnis Befriedigung der Neugier, so hätte die informationelle Revolution einen überschaubaren Verlauf genommen. Jedoch werden alle Prozesse immer komplexer. Wir sind nicht nur neugierig, sondern auch unsicher. Mit jeder neugierigen Frage verbinden wir – von Kindesbeinen an – auch immer die Rückversicherung zu unserem Herkunftssystem oder sonst einer sicheren Seite. Der Bergsteiger prüft nicht nur seine Sicherungen, hat nicht nur sein Ziel im Sinn, den Gipfel, sondern auch seine Kindheit mit den durch seine Mutter getrockneten Tränen. Wir lesen also in unserem Lieblingsblatt nicht nur, dass eine Scheune in Maryland abrannte, sondern wir wissen dann gleich, dass der Erfinder des Telegraphen meinte, das könnte die Menschen in Maine vielleicht nicht interessieren und dass rochusthal in seiner berühmten Sonntagskolumne schon mehrmals an diesem Beispiel das informationelle Paradoxon heraufbeschwor: wir hören oder lesen von Dingen, die uns nicht tangieren, aber wir können auch nicht darauf verzichten, weil wir überhaupt nicht auf die Dinge verzichten wollen, die wir haben können. Das Beschreiben einer bestimmten Sicht auf den Brand der Scheune in Maryland – Trockenheit, Klimawandel, Unordnung der Forsten, so zitierte Trump** den finnischen Präsidenten, der davon aber nichts wusste, Versicherungsbetrug, Unachtsamkeit, Rauchen im Stroh oder Heu, Rache der Nachbarn, Landstreicher, Profilierungssucht eines freiwilligen Feuerwehrmannes, Funkenflug einer überalterten Dampfmaschine – lässt uns gleich Mitglied der Gruppe von Lesern werden, die derselben Ansicht sind. Es gibt ganz große Gruppen: Zufall – Fügung***, rechts – links, die Menschen sind gleich – die Menschen sind ungleich, Einheimische und Fremde, und es gibt kleine Gruppen.

Schon seit Ewigkeiten versuchen die Menschen, die eigene Gruppe, oft auch an die Herkunft gekoppelt, zur Norm zu erheben. Der große Satiriker Jonathan Swift**** lässt zwei Zwergenvölker Krieg miteinander führen, weil sie sich über die rechte Art das Frühstücksei zu öffnen – am stumpfen oder am spitzen Ende – nicht einigen können. Von dieser Qualität sind auch die Fragen, über die heute gestritten wird. Man muss nun nur noch bedenken – wir drehen die These jetzt um -, dass Streit natürlich auch ein Mittel der Informations- und Mehrheitsbeschaffung ist. Wir reden hier vom verbalen Schlagabtausch, nicht vom Streit, der von Streitkräften, welch törichtes Wort, ausgetragen wird. Schon als kleines Kind mussten wir, infolge von Streit, einsehen, dass unsere Eltern, Lehrer, überhaupt Erwachsene fähig oder unfähig sind.

Infolge der Inflation der Informationsmöglichkeiten hat sich auch das verständliche und grundlegende Streben nach Bestätigung und Gruppenbildung in eine alles ausschließende Sucht verwandelt. Jeder von uns würde eine Parkbank, auf der WHITES ONLY stünde, scharf kritisieren. Aber unter unseren Texten steht, wenn auch mit Geheimtinte: nur für meine rechten [linken] Freunde. Jede Gegenseite liest die Texte auch nicht wirklich – viele Zeitgenossen lesen ohnehin nur noch die Überschriften -, sondern scannen sie auf Stichwörter und Parolen. Kommt zum Beispiel der Name der Bundeskanzlerin in einem Text vor, dann suchen die Kommentatoren in ihrer Karteikiste nach den Beschimpfungen. Erwähne ich meine Heimatregion, dann wird mir das nicht als Heimatbonus angerechnet, sondern als Merkelfreundlichkeit. Das ist schon etwas mehr als merkwürdig.

Mein dritter Wunsch ist also mehr Appell als realistisch: könnten wir bitte wieder dazu übergehen, auch die Texte der Gegenseite bis zum Ende zu lesen und als Kommentare nur Argumente bringen? Auch für die eigenen Texte ist es unverzichtbar, sie immer wieder an den Gegenargumenten zu überprüfen und zu korrigieren. Demokratie lebt nicht nur von Kompromissen, sondern auch von Korrektiven. Wenn wir nicht so sein wollen, wie unsere Gegner, dann sind wir doch auf einem richtigen Weg: zu uns selbst, aber nur unter dem permanenten Vorbehalt des potentiellen Korrektivs.

 

 

 

 

*Schreiben Sie bitte bis zur nächsten Woche einen Essay mit dem Thema ‚UNMÄNNLICH‘, wohlgemerkt ‚unmännlich‘ in einfachen Anführungszeichen. Sie werden nach meiner Schätzung etwa 1000 Seiten brauchen.

**In diesem Punkt erinnert Trump an den Großvater des nordkoreanischen Diktators Kim Yon Un, Kim Il Sung, selbst auch schon Diktator, der seinen universellen Machtanspruch mit seinem universellen Wissen, an dem er unentwegt das ganze Land teilhaben ließ, rechtfertigte.

***Sonderform: the times are out of joint

****Gullivers Reisen

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ZEITREISE IN DIE UCKERMARK

 

Über den Roman Vor dem Fest von Saša Stanišić

 

Am besten gefällt mir Frau Schwermuth vom Haus der Heimat. Wenn sie auch mit sich im Unreinen ist, weil sie doppelt soviel wiegt wie ihr Mann, so ist sie doch eine Zentralfigur in dem Dorf, das einmal Stadt war und das so viele offene Geheimnisse hat wie Einwohner. Ihr Sohn Johann, mit dem sie oft schimpft, könnte sogar Vorbild für die ganze regionale Generation werden: ihm geht es nicht um den Nutzen dessen, was er tut, sondern um den Sinn. Er ist Glöcknerlehrling und liebt die drei Glocken der Kirche von Fürstenfelde. Leider hat er noch kein Mädchen gefunden, das ihn so liebt, dass sie ihm seine Jungfräulichkeit nimmt, aber er hat eine Liste der Topfrauen… Ein Roman ist immer eine Zeitreise ins Anachronistische. Das hat Stanišić schon in seinem ersten Buch gezeigt, das zwischen Višegrad und Heidelberg, Vergangenheit und Gegenwart pendelte. Wer aus Višegrad stammt, ist für die Literatur geboren, wer schon einmal da war, weiß, dass man dort auch für das Morden geboren sein kann. Das stand übrigens auch schon in Ivo Andrićs großem Roman. Stanišić ist jedenfalls für die Literatur geboren. Die Sprache des Fürstenfelde-Romans ist eher am Glöcknerlehrling orientiert, bis in die falsche Satzstellung hinein wird auch die Uckermark sprachlich dargestellt, ohne sie zu imitieren oder gar zu parodieren. Hier wird niemand vorgeführt, aber schon nach ein paar Seiten erkennt man unsere Landschaft sprachlich wieder. Den Geburtenschwund erklärt die donauschwäbische, aus dem Banat vertriebene Malerin mit dem Mangel an Gaststätten. Statt dessen trinken die Männer des Dorfes in Ullis Garage und hecheln dort nach strengen Regeln die Geschichte und Geschichten durch. Ich kenne sogar einen Mann, der in seinem Kofferraum sitzt und trinkt. Die nachtblinde Malerin malt jeden Baum und die Erde, jeden Menschen und jedes Haus, die Kirche und die Tore, den Reiz und das Reizlose. Sie malte sogar einen schlafenden Neonazi und den Container für die rumänischen Erntehelfer. Trotzdem wirken ihre Bilder nicht inflationär, ihre Anwesenheit nicht erdrückend. Sie ist der Kommentar für das Dorf und die Landschaft, sie ist das Korrektiv einer allzu engen Gemeinschaft. Sie belebt das Dorf stellvertretend für die vielen Zuwanderer der jüngeren Geschichte, die Slawen, die Deutschen, die Juden, die Franzosen, die Polen, die Deutschen aus den Ostgebieten und dem Banat, die rumänischen Musiker und Erntehelfer und schließlich die Türken und die Asylbewerber in Prenzlau. Sie weiß aber auch: für die starken ist überall Heimat. Die Malerin ist auch ein Selbstporträt von   Stanišić, denn was der unbeholfene Journalist vom Nordkurier über die Malerin schreibt, das gilt auch für ihn, dessen Erinnerungen auch die unseren sind, auch wenn wir von ihnen erst durch sein Buch erfahren.

Es wird die Nacht vor dem Fest beschrieben, und durch diese Konstruktion fehlt dem Buch alles Kirmeshafte und Spektakuläre. Es ist zwar eine besondere Nacht, aber doch auch eine gewöhnliche. Herr Schramm versucht nicht das erste Mal, sich das Leben zu nehmen, denn er hat seine alte Dienstpistole wohl immer im Handschuhfach. Aber ob der Grund für seine Lebensmüdigkeit nun der nichtfunktionierende Zigarettenautomat ist oder die nichtausreichende Rente oder die Missachtung seiner früheren Tätigkeit, weder Anna, die ihn rettet, noch wir, die gespannten Leser, erfahren es. Ditzsche dagegen, den auch seine Vergangenheit als mutmaßlicher Spitzel belastet, tröstet sich mit Hühnerzucht und Zurückgezogenheit, er ist ein Beispiel für neue Vornehmheit. Eine grandiose parodistische Mikrostudie für den Zerfall des Ostblocks, aus dem sowohl Stanišić kommt wie auch die Fürstenfelder und ein Teil der Leser, ist der usbekische General, der die Raketenstellung in einen Gemüsegarten mit Sauna und angeschlossener Folklore verwandelt. Er ist weit überzeugender als die vielen tausend Seiten, die die immer wehleidigen ehemaligen Bürgerrechtler bisher rechthaberisch geschrieben haben. Denn er, der folkloristische General, ist gleichzeitig ein Symbol des Überlebenswillens nicht nur Usbekistans, sondern auch der Uckermark. Feinste Satire ist es auch, dass der Oberstleutnant Schramm bei Poppo von Blankenburg schwarz arbeitet, während das Fräulein von Blankenburg bei ihren Yoga-Übungen vom stummen, also sprichwörtlichen Voyeur begleitet wird.

Es hätte ein Schelmenroman werden können, aber es fehlt der Schelm. Auch eine Entwicklung, etwa des Glöcknerlehrlings, ist nicht zu sehen, er ist schon richtig. Seine Mutter tut das richtige, wenn sie auch mit sich unzufrieden ist. Das Dorf Fürstenfelde ist sich selbst genug, ohne dass es arrogant wäre. Es gibt sie. die Badegäste und Urlauber, aber sie werden nicht hofiert. Der spröde Charme der Uckermark hält sie trotz alledem nicht davon ab, wiederzukommen. Die Zugezogenen haben es schwer, aber auch sie bleiben nicht nur fremd.

Der Heidelberger Deutschlehrer, der das Talent von Saša Stanišić entdeckte, ist zu loben. Keineswegs stören die Migranten den Unterricht, vielmehr beleben sie ihn mit ihrer oft tieferen Einsicht, mit ihrer unkonventionellen Sprache, mit ihrem zunächst Beobachterstatus, der oft erst allmählich in einen angereicherten Insiderstatus übergeht. Eine neue Art von Ironie ergibt sich auch aus den Elementen der Jugendsprache, die in Vor dem Fest beinahe vorherrschend sind, so als wäre das Buch aus der Sicht der flüchtigen einheimischen Jugend geschrieben. Bestärkt werden wir in dieser Ansicht durch die langen rapähnlichen, jedenfalls gereimten Passagen, die aber gleichzeitig auch an Grass und Goethe erinnern. Immerhin! Diese Jugendlichen sind die wahren Migranten, wie zum Beispiel die Töchter des Tischlers, die das Haus ihres gestorbenen Vaters wie Müll beräumen lassen, denen nichts heilig ist, weder die Vergangenheit noch die vergangenen oder dagebliebenen Menschen.

Dieser Roman ist die nichtchronologische Chronik einer dünnbesiedelten, aber dennoch beinahe multikulturellen Region, die in allem, was sie tut oder lässt, grenzwertig ist. Und dennoch hat sie, nach harmlosen Heimatromanen aus dem Vorabendprgramm, auch den Rand von Weltliteratur hervorgebracht. Stanišić hat aber bekannt, dass er sich ein Dorf ausgedacht hat, von dem er dann erfuhr, dass es schon existiert: zwischen den beiden Seen.

Der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth kann es in seiner lapidaren, an Rap und Rock geschulten Sprache am besten sagen, worauf es im Leben, in der Literatur und im Fußball ankommt: auf die Überwindung des namenlosen Nichtskönnertums durch die Voranstellung des Könnernamens: in der Fürstenfelder Kirche erklingt eine Grüneberg-Orgel, deren Name die wahre Qualität verbürgt, ein Ronaldo-Freistoß ist auch dann genial, wenn er gar nicht trifft, und ein  Stanišićroman ist ein Gütesiegel der Zukunft.

ZEITREISE AUS DER UCKERMARK

 

Stanišić liest in Fürstenwerder aus seiner Fürstenfeldechronik

 

Die ursprüngliche Idee, so erzählt Stanišić auf eine Frage hin, war ein bosnisches Dorf in der Nähe von Višegrad, in dem die Familie Stanišić seit Jahrhunderten siedelt und der Friedhof voll von ihnen ist. Dieses Dorf stirbt aus, nur noch wenige Menschen wohnen da. Die Häuser sehen aus, als ob ihre Bewohner gleich wieder kommen würden. Aber es zeigt sich: in jedem Dorf befindet sich ein virtuelles Archiv, ein Universum aus Geschichten.  Stanišić sagt, dass er sehr aufgeregt ist, weil ihm das hiesige Publikum vorkommt wie seine Tante aus seinem ersten Roman, deren strengen Blick er eine Stunde lang aushalten musste. Nicht so in Fürstenwerder, hier wird sein zweiter Roman gefeiert. Der freundliche Bäckermeister, der am Gelingen wie am Sauerteig zweifelte, fragt sich nun, ob auch genügend potentielle Touristen das wunderbare Buch lesen. Der Sohn der Leiterin des tatsächlichen Hauses der Heimat fragt sich, ob Frau Schwermuth seine Mutter ist. Aus Warbende, einem Nachbardorf mit Uwe-Johnson-Namen, kam eine Literaturkritikerin, die durch den Abend führt, und sie preist Vor dem Fest als neue, ganz starke Heimatliteratur. Die Buchhandlung von Nils Graf ist übervoll, obwohl man seinen Platz vorbestellen musste, vorher sah man viele Menschen mit einem Buch durch das Dorf, das eine Stadtmauer hat, laufen. Zugezogene und Einheimische lachen und weinen gemeinsam, es gibt Beifall, auch wenn die Szene noch gar nicht zuende ist: Stanišić liest äußerst lebhaft, arbeitet seine Bilder rhetorisch heraus, freut sich mit den Figuren, die alle in Grafs Buchhandlung anwesend sind. Der Dichter lacht: ‚Es ist so, als ob man mit seinem eigenen Buch sprechen würde…‘ Um Sympathien muss er an diesem wunderbaren Frühsommerabend nicht werben. Obwohl fast alle in diesem Raum Fürstenwerder kennen, verstehen auch fast alle, dass man das Buch viel universeller lesen kann und muss. Migration, so kann man aus dem Buch lesen, ist nicht nur die Wanderung der Menschen, sondern auch die Wandlung der Umstände, das Aussterben, das Neuhinzukommen, Steine sammeln und Steine zerstreuen. Eigentlich hat jedes Dorf eine Stadtmauer und jede Stadt einen Dorfkern. Aber dann fängt sie an zu bröckeln, sie wird durchlässig, jedoch das schadet dem Dorf nicht, das sichert vielmehr sein Überleben. In der Verurteilung der drei Tischlertöchter, die ihr Erbe zum Müll machen und es glatt ausschlagen, treffen sich die Dorfbewohner und die Leser ebenso wie in der Achtung vor dem ehemaligen NVA-Offizier, der sich in der Nacht vor dem Fest eben nicht das Leben nimmt, sondern den Zigarettenautomaten erschießt. Stanišić sagt, als er gefragt wird, dass er seine Lieblingsfigur sei, dass sie ausgedacht wäre und dass sein happy end bei den beiden Lektorinnen hart umkämpft werden musste. So gesehen ist das Buch auch ein wunderbarer Ostwestroman: weder der Oberstleutnant noch der Briefträger werden für ihre tatsächliche oder vermeintliche Schuld verurteilt. Sie müssen mit dieser Schuld leben, und sie leben. Dafür ist die rosafarbene Eierbox eine ganz neue Metapher des zweimal eltern- und heimatlos gewordenen Zuckerkranken, der in den Roman eine antike Tragödie hineinblinzeln lässt, die in der Gegenwart dennoch gut ausgeht.

Auch der Glöcknerlehrling Johann Schwermuth ist ein solches Symbol für die Zukunft, um die wir uns ja alle sorgen, die aber nicht so oft so sympathisch, offen und entwicklungsfähig dargestellt wird wie in diesem rappenden Jungen, der ein eben nicht überflüssiges altehrwürdiges Handwerk lernt und gerne ausübt. Hoffentlich werden in der Folge dieses schönes Buches viele automatische Läutewerke abgeschaltet. Vielleicht sollten wir mit den Glöcknerlehrlingen öfter über ihre Verwurzelung reden.

Gestern Abend wurde der Fuchs nur mehrfach lobend erwähnt, nicht gelesen, aber er war in den Gedanken allgegenwärtig. Die Empathie in die uns umgebende Natur, deren Teil wir sind, ist vielleicht eine der stärksten Seiten dieses Romans. In den Nachbarsgesprächen, in den Regionalzeitungen, in unserem Denken herrscht immer noch das alte Vorurteil über die Natur, über den Nutzen und den Schaden, über die Krone der Schöpfung, die der Mensch sein sollte, aber zum Glück nicht wurde, über die Verachtung der Natur, die sich in entsorgten Kühlschränken, überhaupt in Kühlschränken und allen anderen Klimaanlagen zeigt. Beim zweiten und dritten und vierten Lesen werden uns die Sorgen der Füchsin vielleicht verständlicher, näher kommen. Sie muss mit uns leben wie wir mit ihr und sieht uns nicht als Feind. Eher ist sie ein wenig ungläubig, wie wir überleben können, und wir bezweifeln es ja selbst zunehmend. Gerade Füchse sind ein Beispiel des falschen Eingreifens des Menschen, wie auch die Wölfe und die Rehe…

Wenn Vor dem Fest ein ganz neuer Typ von Heimatroman sein sollte, dann ist es auch ein ganz neuer Typ von Naturroman, beiden hängt der Ruf von Kitsch an, und den gibt es in der Fürstenfelder Weltchronik überhaupt nicht. Es hat sich eher angehört, als wäre der verlorene Sohn aus Amerika zurückgekehrt und hätte statt seiner Erlebnisse in der neuen Welt seine Erinnerungen an die alte Welt erzählt. Mit dem ‚wir‘ des Erzähltons ist nicht nur der Sohn in die Dorfgemeinschaft, sondern auch der Leser in den Roman integriert, der Dichter in die Welt. Das alles ist aber so heiter, wenn auch der Fährmann gestorben ist, wie die Welt wäre, wenn wir uns so freundlich begegneten wie die Fürstenfelder in ihrer Chronik. In Bosnien bin ich in einem Dorf in der Nähe von Višegrad hoch oben in den Bergen, wo man sein Auto vorher abstellen muss, weil die Straße unpassierbar wird, von einem alten Mann umarmt worden, einfach so, einfach nur, weil ich da war…

In Grafs Buchhandlung, gestern Abend, hat jeder die schöne Metaphorik einer neuen Sprache verstanden. Die Broschüren und Geschichtsbücher und Häuser der Heimat mögen mal schlechter, mal besser sein, die wahre Geschichte steht in den Geschichten, ob sie nun von den alten Frauen in den Spinnstuben, auf der Drinabrücke in Višegrad oder beim Fährmann in Fürstenfelde in der Nacht vor dem Fest erzählt werden.