‚IN ZEITEN WIE DIESEN‘

 

What’s gone and what’s past help should be past grief.

                                                                                   SHAKESPEARE, The Winter’s Tale, III,2

Nr. 356

Am Ende der siebziger Jahre stand in Ostberlin eine steinalte Frau an einer Bushaltestelle und fragte mich, ob ich nicht auch fände, dass die Kinder heute laut seien, zu laut. Ostberlin befand sich zu diesem Zeitpunkt noch im Rohzustand der Vormoderne. Die Drittelstadt war einerseits noch vom Krieg gezeichnet, Ruinen und Lücken blickten in ihre traurige Vergangenheit, einarmige Altnazis, teilweise als Hilfspolizisten verkleidet, schrien Kinder an, um ihnen ihr erfolgloses Konzept von ‚Zucht und Ordnung‘ nahezubringen.  Auch die fortschreitende Militarisierung des Lebens war dem Hitlerismus so ähnlich wie der weiland Staatssekretär Globke aus dem Bonner Bundeskanzleramt. Andererseits begannen architektonisch einfallslose Neubauviertel das Bild zu prägen und die Altstadt zu verdrängen.  Die DDR war so gesehen nicht ahistorisch, sondern log die Geschichte dreist zu ihren Gunsten um und erklärte, was ihr passte, zum Erbe der Arbeiterbewegung, als deren Krönung sie sich selbst definierte. Einmal waren Karl Marx oder Thomas Müntzer, ein anderes Mal gar Ernst Thälmann ‚der größte Sohn des deutschen Volkes‘.  Der Aufbruch, der wenige Jahre zuvor in Prag stattgefunden hatte, war im Hauch eines Konsumrausches untergegangen, den der neue Partei- und Staatschef Honecker als ökonomische Neuheit pries. Honecker hatte eine geteilte Moderne angeschoben: im Konsum sollte aufgeholt, politisch und kulturell dagegen ausgebremst werden.  Als Marken dieser verfehlten Politik zeigten sich Biermannausbürgerung, das Konstrukt der DDR-Kulturnation und die Kreditaufnahmen.

Trotzdem war auch das Ostberliner Weltchen lauter geworden, das antwortete ich der alten Frau an der Bushaltestelle.  Sie beharrte aber darauf, dass man die Kinder zur Ruhe bringen könnte oder sogar müsste. Dann erzählte sie, wie sie als Familie zu Fuß die Schönhauser Allee stadtauswärts ‚ins Grüne‘ wanderten, und ihr Vater sie, vorneweg und lauthals, wohl auch gewalttätig, an jeder Freudenkundgebung jenseits des gemeinsamen Gesangs hinderte. Das war vor dem Individualismus, aber auch vor der vollendeten Urbanisierung.

Dass die Zeit ver- und die Sonne unterginge, sind zwei gleich schräge, untaugliche und trotzdem petrifizierte Metaphern. Dass Dinge vergingen heißt doch nur, dass sie aus unserem Bewusstsein verschwinden: aus den Augen, aus dem Sinn. Dinge, Regeln und überhaupt Ordnungen sind es, die sich uns aufdrängen oder eben verschwinden. Der Umbruch von 1945 war so tief, dass er nicht verstanden werden konnte, zurecht wurde er damals Zusammenbruch genannt. Aber während ein Haus tatsächlich, wenn es zusammenbricht, verschwindet und seine Form radikal ändert, und selbst durch einen epigonalen Nachbau nicht annähernd ersetzt werden kann, bleiben Ordnungen in den Köpfen der Menschen hängen und dürsten nach weiterer Bestätigung. Ich habe den zweiten Weltkrieg nicht veranstaltet, aber mich ohrfeigte der einarmige Altnazi, dessen anschließende Lagerhaft tragisch gewesen sein mag, der aber nicht einsah, dass seine Anwesenheit in Stalingrad noch tragischer war und der deshalb auf der soeben untergegangenen Ordnung bestand und sie fortzuführen suchte. Tragik ist unverschuldetes Unglück. Die antiken Griechen ließen ihre Protagonisten – auf dem Theater – noch generationenweit von unermesslichem Leid verfolgen. Die Seele des Zuschauers sollte von der Harmoniesucht gereinigt werden. Bei Shakespeare nimmt sich das mit der überholten Ordnung kollidierende Liebespaar Romeo und Julia das Leben, bei Sophokles wird das rebellierende Paar Antigone und Haimon gar eingemauert.  Aber zwischen der Seelenreinigung durch die tragischen Ereignisse auf der Bühne und der Angst vor dem wirklichen Leben mit seinem manchmal auch nicht geringen Leid ist nur eine Handbreit Schatten.  Die allererste Fiktion war eine Tatsache. Aber schon vor hunderttausend Jahren trennten sich die Wege von Fiktion und Leben. Der Schrecken ist geblieben, und kein geringerer als der größte Balladendichter deutscher Zunge wusste, dass der schrecklichste der Schrecken der Mensch in seinem Wahn sei und dass noch jede Furcht den wirklichen Schrecken überrage.

Immer also, zu allen Zeiten, gibt es Angst und Zuversicht, Orientierung und Desorientierung. Zwanzig Jahre braucht der Mensch, um sich zu orientieren, zuerst assistiert von den Eltern, dann von der Gruppe der Gleichaltrigen, dann kann er vielleicht fünfzig Jahre mit seiner Navigation gut leben, wenn es keine großen Umbrüche gibt. Gibt es aber große Umbrüche, dann schwanken selbst die Vorstandsvorsitzenden. Jeder, der solch einen Umbruch miterlebt hat, zum Beispiel 1989, weiß, dass es rechts- und orientierungsfreie Räume gibt. Immer gibt es dann Menschen, die nicht mehr vorwärts, sondern rückwärtslaufen oder zumindest rückwärtsblicken. Der Trost ist: je älter wir werden, desto wahrscheinlicher und verständlicher ist das Stehenbleiben und Rückwärtsschauen.

Je größer der Abstand, desto absurder ist die Verzerrung.  Der Abstand kann zeitlich, räumlich, emotional oder rational sein. Eine Verzerrung, die leicht und immer wieder übersehen wird, ist die Institutionalisierung. Eigentlich ist jede Idee verloren, wenn sie in die Hände der Bürokraten fällt. Andererseits ist sie aber auch verloren, wenn sie nicht bürokratisiert wird, weil sie dann nämlich nicht wirken kann. Inzwischen wird Hartz IV nicht mehr als die aufrundende und zusammenfassende  Gesamtsozialleistung wahrgenommen, sondern als Schatten eines überbürokratisierten Molochs, der arme Menschen mit Sanktionen quält.

‚Wo bleibt der Aufschrei‘ und ‚in Zeiten wie diesen‘ sind also nichts weiter als tautologische Empörungsformeln, die den Benutzer von vornherein auf die richtige Seite stellen sollen. Er oder sie kennt die ‚Zeiten‘ zur Genüge, so dass eine kritische Zusammenfassung gewagt werden kann. Statt sich selbst zu ändern, kann man mit dem Mittelfinger der Empörung auf andere zeigen. Statt neue Ideen vorzulegen, kann man die alten zerlegen. Statt Visionen zu entwickeln, kann man ein Schreckgespenst nach dem andern aufrichten. Aber die Kraft der Vogelscheuche lässt schnell nach, besonders wenn sie auf junge Stare trifft, die im Pulk ihre Schwarmintelligenz ausprobieren, die ihnen von der Natur verliehen wurde, um die Vogelscheuchen zu verscheuchen. Wir verklären gern unsere Jugend und vergessen dabei, von wieviel bösen Geistern sie umwölkt war. Traditionen und Autoritäten, Institutionen und Vogelscheuchen konnten damals unsere gute Laune nicht stören. Mit neunzehn Jahren ist nicht nur jede und jeder schön, sondern auch mutig, voller Elan, Ideen und Zuversicht. Man darf nur seinen eigenen schönen Zustand nicht über die Epoche wie eine Zierdecke legen, die damit geadelt wird. Wer im Alter böse wird, hat die bösen Zeiten in sich nicht überwunden.

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