ZEITGEIST

Nr. 361

Von manchen wird der Zeitgeist so beschimpft und bekämpft wie der Kapitalismus oder die Plastiktüte. Aber das sind alles keine Feinde, die eindringen könnten oder eindringen wollen oder bereits eingedrungen sind. Es sind unsere Instrumente. Der Kapitalismus zum Beispiel ist die immer perfektere und immer perfidere Wirtschaftsform des Marktes. Man kann ihn abschaffen, aber dazu müsste man erstens eine bessere Art des Wirtschaftens als Idee und zweitens die perfekte Demokratie oder wenigstens die perfekte Diktatur haben.

Sehen wir uns in der Welt der Diktaturen und Diktatoren um, so beherrschen sie recht gut die Korruption und Großsprecherei, aber von Wirtschaft hat keiner auch nur die leiseste Ahnung. Isaias Afewerki, der Herrscher von Eritrea, setzt offiziell auf eine Art Reichsarbeitsdienst, in Wirklichkeit aber hofft er auf das Geld der Flüchtlinge und auf ein Wunder. Niemand kann die Zukunft voraussagen und Geschichte wiederholt sich auch nicht, aber die Menschen aus dem Osten Deutschlands haben ein Wunder miterlebt, das zumindest ihre wirtschaftlichen Probleme mit einem Schlag gelöst hat. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. China, vor dem alle zittern, hat zumindest versucht, mit einer neuen Kombination zu einer neuen Lösung zu kommen. Mathematisch gesehen ergibt minus mal minus plus, hier aber treffen zwei unmoralische Prinzipien aufeinander, die sich noch dazu ausschließen. Das kann nicht gutgehen. Allerdings ist das kein Argument, sondern der Wegwischwunsch eines Alptraums, der zudem ein Dilemma ist. Mit Afrika finden wir eine Übereinkunft und einen Frieden, aber was machen wir mit dem zusammenbrechenden oder zusammengebrochenen China?

In einer perfekten Demokratie dagegen kann man Grundsätzliches nur durch Mehrheitsbeschluss ändern, dazu muss man vorher die Realisierung und Finanzierung auch derjenigen Projekte bedacht haben, die mit Sicherheit scheitern werden. Das ist umständlich und zeitraubend. Unsere Demokratie befindet sich zudem im Moment in einer Krise, die durch die unerwartete Transparenz ausgelöst wurde, die durch die neuen Geschwindigkeiten der Gedankenübertragung erreicht wurde. Transparenz ist ein Wesensmerkmal der Demokratie. Für die Macher lebte es sich aber auch ganz gut ohne sie. Dem Volk, das wir hier ausnahmsweise und ein letztes Mal als unechtes plurale tantum darstellen können, dem Volk blieb lange der Zweifel, ob die Regierenden nicht heimliche Diktatoren geblieben sind, die nur vorgeben unheimliche Demokraten zu sein. Dafür gibt es Beispiele: die Spiegel-Affäre, die Spenden-Affäre (beide CDU), der Verkauf von Sozialwohnungen (SPD), die Behauptung, dass der irakische Diktator, gegen den viel sprach, chemische Waffen eingesetzt hätte, als Vorwand, um ihn von außen zu beseitigen (Republikaner). Andererseits gibt es ermutigende Äußerungen charismatischer Politiker, die als Manifeste der Demokratie taugen würden: Ich bin ein Berliner, Wir wollen mehr Demokratie wagen (beide Demokraten und Sozialdemokraten), Wir schaffen das (CDU).

Falkenberg an der Elster ist eine kleine, völlig leere Stadt im Süden von Brandenburg. Sie hat einen überdimensionierten Turmbahnhof, dessen Empfangsgebäude nicht mehr da ist. Rechts vom Bahnhof gibt es ein leeres, ruinöses Postgebäude in typischer DDR-Architektur, an das gleiche Gebäude links vom Bahnhof, dessen ehemalige Funktion nicht mehr erkennbar ist, schrieb ein mitleidiger Graffiteur: NICE. In einer nach einem bekannten Sozialisten und Kapitalisten* benannten Straße stehen mehrere wunderschöne rote Backsteinbauten als Ruinen, lediglich ein Haus ist bemerkenswert restauriert und bewohnt. An der Jugendstilkirche, mitten in der kleinen Stadt, vermutet man das Zentrum, aber ein Schild zeigt, dass das Zentrum da sein soll, wo man gerade herkam und es vergeblich suchte.  Es gibt überall sehr schöne Häuser, deren Sinn sich aber durch die gleiche Anzahl leerstehender und ruinöser Gebäude und durch die fehlende Struktur nicht erschließt. An fehlender Struktur übertrifft das arme Städtchen sogar noch Schwedt.

Die Lösung dieses Rätsels ist der Zeitgeist, der über die flache Landschaft hinwegfegte. Falkenberg hat somit das gleiche Schicksal wie die Tonbandkassette: es gibt sie noch, aber keiner braucht sie. Falkenberg war ein unbedeutendes Dorf im preußischen Regierungsbezirk Merseburg, als die Industrialisierung und mit ihr die Eisenbahnen kamen. Wahrscheinlich zufällig kreuzten sich hier fünf damals bedeutende Staatsbahnlinien. Vielleicht war aber auch der Planer, ein Reichsbahnrat, aus diesem Flecken gebürtig, der seiner Heimat ein bis heute existierendes Denkmal gesetzt hat. Alles war möglich in dieser personalisierten Zeit, die wir nicht mehr verstehen, weil wir zwar geachtete und berechtigte Individuen sind, aber so viele, dass sie keiner mehr beachten kann. Nun ist das Städtchen aber zum Mahnmal dafür geworden, dass man außer dem Zeitgeist noch etwas anderes, übergreifendes in seinem Leben haben sollte. Das ist für einen Ort nicht leicht, aber für einen Menschen auch nicht unmöglich.

Das Land, in dem wir leben, ist ja nicht der Staat. Das sollte in Deutschland, in dem wir alle Großeltern aus fünf bis sechs Staatssystemen hatten, selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Parteien plakatieren immer wieder Widersprüche, die es gar nicht gibt. Niemand ist ja nur Ostmensch oder sollte sich darauf reduzieren lassen. Kein Städtchen ist nur Eisenbahnknoten und sollte sich darauf reduzieren lassen. Der Zeitgeist ist keine alte Frau, die uns als Hexe auf dem Rücken sitzt. Er ist auch kein alter Mann, der als allwissender Diktator und Übervater vergeblich vorgibt, es mit uns nur gut zu meinen. Das Zeitalter der Personalisierungen sollte vorüber sein. Wir sollten gelernt haben, dass Prinzipien Prinzipien sind, und keine anthropomorphen Schatten. Wir benutzen Prinzipen oder Instrumente, um bestimmte übergreifende Ziele zu erreichen. Aber am Beispiel des Wohlstands, eines erreichten Ziels, kann man gut sehen, wie dilemmatisch und trügerisch der Frieden ist, den wir mit uns selbst geschlossen haben, eine Matrjoschkapuppe, die Ungeheuer gebiert.  Frieden dagegen als Zustand zwischen Ländern, Völkern, Staaten, Nachbarn und Geschwistern ist eine Bedingung, ohne die man nicht leben kann.

Niemand wünscht sich Gefühllosigkeit. Ohne Empathie ist kein Staat mehr zu machen. Deshalb kann niemand ohne Geschichten sein, ohne Kunst, ohne Schönheit. Nichts sollte auf reine Rationalität heruntergebrochen werden, außer die festgezurrten und daher falschen Gefühle der Fanatiker, zu denen unsere Lieblingsaphoristikerin, die dicke Freifrau aus Böhmen** schreibt: Geistlose kann man nicht begeistern, aber man kann sie fanatisieren.

Obwohl natürlich keiner außerhalb des viel geschmähten und oft zitierten Zeitgeists stehen kann, der nichts ist als die Summe aller Definitionen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort, wünschen wir uns alle endlich, endlich eine Geistzeit.

 

 

*Friedrich Engels, Sponsor von Karl Marx

**Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

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WIR SCHAFFEN DAS NICHT

 

Nr. 294

Merkwürdigerweise kollidieren Gruppenzugehörigkeit und Sendungsbewusstsein nicht miteinander.  Jeder, der eine Gruppe gefunden hat, wird ihr Sprecher und fühlt sich berufen, die Unwissenden aufzuklären. Es stört die Gruppenmitglieder nicht, dass es schon unzählige Sprecher gibt. Jede Gruppe muss dennoch notwendigerweise von der Realität abweichen, kein Spiegel, über die Wirklichkeit gelegt, ist mit dieser deckungsgleich. Man kann noch so viele Kleists und Hegels zitieren, Gruppenmitglieder lassen sich nicht von der Richtigkeit und Einzigartigkeit ihrer Mission abbringen. Alle anderen Menschen werden in der anderen, falschen Gruppe der Unwissenden verunglimpft, es sei denn, sie lassen sich überzeugen.

Aber das erklärt noch nicht, warum lieber Katastrophen vorausgesagt werden als Idyllen oder Paradiese. Den steinigen Weg allein gegangen zu sein, erscheint uns heroischer als an Mutters Hand die asphaltierte Lüge zu erleiden. Wer will nicht gerne Held sein? Je mehr Menschen es gibt, desto mehr teilen die von Andy Warhol vorausgesagte Sucht nach dem Fünfzehn-Minuten-Ruhm. Nicht jeder kann selber Hitler sein, so erschien und erscheint es vielen wünschenswert, wenigstens eine zeitlang das gleiche gesagt zu haben. Hitlers, übrigens durchweg epigonale Prognosen waren nicht nur alle falsch, sondern auch zerstörerisch. Immer wieder werden Bomben entschärft, die einst gegen Hitler und seine vorausgesagten Katastrophen deponiert wurden. ‚Die Toleranz baut die Tempel wieder auf, die der Fanatismus zerstörte‘ steht in der Hauptstadt der Toleranz in eine Tordurchfahrt gesprüht. Die Konsequenz der Miesmacherei dagegen ist das Miese.

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Ganz nah verwandt mit dem Heldentum ist die Wichtigtuerei. Deshalb wird das wirklich wichtige lächerlich gemacht. Menschen, die das Gute und die Liebe voraussagen, werden als Naive und Träumer hingestellt. Kein Realist kann mehr sehen als die Realität auf seinem Teller oder in seinem Kleingarten. Noch jeder Entdecker muss ein Ikarus sein und das Scheitern einkalkulieren. Realisten, die tatsächlich glauben, dass man ohne zu scheitern gewinnen kann, können nur kopieren und konsumieren. Das aber ist der Inhalt der Langeweile, nicht der Innovation. Zwar spricht für die Diktatur, die die Regierungsform der Realisten ist, die Schnelligkeit der Entscheidungen. Aber gegen die Diktatur brüllt der Mangel an Richtigkeit, wie man an den Kreuzen in Verdun und den Ruinen in Berlin sehen kann. Wäre Rosa Parks Realistin gewesen, würde sie heute noch im Bus auf den Plätzen für die Abgesonderten sitzen und Obama wäre nicht Präsident und Michael Curry nicht Prediger auf der königlichen Hochzeit gewesen. Die Einteilung der Menschen in qualitativ unterschiedliche Gruppen ist wirklich die Voraussetzung für Katastrophen und Untergang.

Wer bestimmt weiß, dass die Welt bald untergehen wird, kann mit seinem Wissen drohen. Wir dagegen wissen, dass wirkliches Wissen zum Drohen nicht geeignet ist. Wen bedroht die Evolutionstheorie? Ein Denksystem, das auf Strafe und Belohnung beruht, vielleicht sogar weil es glaubt, dass die Welt hierarchisch funktioniert, kann nicht anders als auch zu glauben, dass die Drohung mit der Strafe die Menschen letztlich zu allem bringt. Zeitweilige Erfolge, wie der zweite Weltkrieg, geben ihnen recht. Aber jedes Kind weiß, dass und wie man den Drohungen entkommt: durch Mut. Wer hundertmal feige war, und wer war das nicht, wird beim mutigen hundertersten Mal belohnt. Trotzdem sind Drohungen leider wirkungsvoll. Drohungen sind kein Nullsummenspiel. Ihre Opfer säumen die Irrwege wie die Verkehrstoten die Landstraßen.

Apokalypse ist zudem die Projektion der eigenen Auflösung. Wir können uns nicht wirklich wundern, dass es Apokalypsen seit dem Beginn des Denkens gibt. Denn der Mensch erfährt sich als ein äußerst fragiles Wesen. Er ist von Tod und Auflösung umgeben. Der Humus ist gleichzeitig  Ende und Quelle des Lebens, so wie die Liebe gleichzeitig Sehnsucht nach Bindung und Ausschluss der Bindung ist. So gesehen ist die Voraussage des Untergangs des eigenen System oder sogar der Welt immer richtig. Jede Apokalypse hat recht. Der Streit geht um die Zeit.

Natürlich gibt es wirkliche Angst und wirklich Angst. Als wir Kinder waren, wimmelte die Welt von giftigen Insekten und Spinnen, die dann im Lichte der Aufklärung als selbst gefährdete Wesen erschienen, nicht als Gefährdung. Natürlich kann Einwanderung wirklich Angst machen: das war bei den Juden so, bei den Franzosen, bei den Polen, bei den Italienern, den Türken, den heutigen Flüchtlingen. Aber nach einer gewissen verständlichen Angst muss sich doch auch wieder der Verstand melden und  der Blick auf die Geschichte: erstens haben wir jede Einwanderung überlebt und zweitens wer ist wir? Niemand und nichts ist auch nur mit sich selbst identisch, gerade auch, weil alles vergeht und Angst und Mut uns verändern.

Ein von mir sehr geschätzter Kolumnist, Harald Martenstein, ist soeben unter Anführung aller möglichen Gründe auf die Seite der Angst übergetreten, obwohl er, wie er sagt, ein liberaler Mensch ist. Er möchte nicht, dass sein kleiner Sohn einst unter einer intoleranten, gegen die Freiheit gerichteten Herrschaft der Islamisten leben soll. Das will sicher niemand, aber wir können es nicht ausschließen. Aber Martenstein wohnt, wie ich, in der Uckermark. Bei allen Nachteilen, die wir hier hinnehmen müssen, haben wir doch einen großen Vorteil: sollten die Islamisten in Europa die Macht übernehmen, so haben wir hier in der Uckermark noch fünfzig Jahre Freiheit. Die Freiheit vom Lärm und Aktionismus haben wir jetzt schon. Und: sollte Martensteins kleiner Sohn, der so wunderbar frei in der Uckermark aufwächst, tatsächlich eines Tages von Islamisten beherrscht werden, so müsste er mindestens fünfhundert Jahre alt werden. So lange brauchen große Reiche, um unterzugehen. Im Gegensatz zu Hitler und Höcke können wir keine tausend Jahre voraussagen. Mensch, Martenstein, sprechen sie in deinem Dorf französisch?

ASYL ZEIGT DEN GLAUBEN AN BARMHERZIGKEIT