BILDBESCHREIBUNG

Nr. 367

Im Jahre 1721 ließ ein Graf von Schwerin in dem kleinen vorpommerschen Dorfe Putzar seine Kirche neu einrichten. Die Orgelempore stellte er auf Säulen, die vier riesige Mohren darstellten. Sein Vater, Detloff Graf von Schwerin, der in niederländischen Diensten gewesen war, soll sie aus Dankbarkeit, weil sie ihm das Leben gerettet hatten, mitgebracht haben. Aber hat er ihnen auch das Leben gerettet oder auch nur verbessert? Vielleicht hat er die vier, die in seiner kleinen, exorbitant schönen Kirche als Helden, Riesen, gute Goliathe dargestellt sind, vor der Sklaverei bewahrt? Immerhin war es Preußen, wenn auch hundert Jahre später, das als erstes Land überhaupt die Sklaverei verbot. Allerdings gab es in Preußen gar keine Sklaven. Trotzdem darf man, zumal in einer Kirche, nicht den Faktor der Barmherzigkeit unterschätzen.

In einem vorpommerschen Dorf gilt heute noch als Fremdling, wer vor fünfzig Jahren aus dem Nachbardorf herzog oder vor 75 Jahren als Vertriebene oder Vertriebener aus dem ehemals deutschen Osten kam. Die panische Angst vor dem Fremden fand ihren skurill-tragischen Höhepunkt im Jahre 1945 ein paar Dörfer weiter, in Alt-Teterin, als die verschüchterten Dorfbewohner, bestärkt vom Obernazi-Gutsverwalter, die lauten Motorgeräusche, vielleicht von Tieffliegern, vielleicht auch nur von ein paar Artillerieschleppern, für einen Menschenfleischwolf der Russen hielten und sich dutzendweise mit ihren Kindern das Leben nahmen.  Die Russen waren 1944 und 1945 aus leicht erkennbaren Gründen das zum Horror aufgeblähte Feindbild. Sieht man sich die rechtsextreme Propaganda zur Migration seit 2015 an, ähneln sich die Bilder  so erschreckend, dass der Vergleich doch nicht mehr ganz abwegig ist. Das Fremde wird gern verteufelt. Wie mag es also unseren vier Afrikanern gegangen sein? Sie waren vier junge Männer, niemand konnte und wollte sie verstehen oder gar heiraten. Die Angst hat sich vielleicht schnell gelegt, spätestens als sie den riesigen und superschweren Prunksarg des Grafen zu Grabe trugen. Aber auch ohne die Angst hielt sich die Kommunikation sicher in Grenzen. Erst zehn Jahre später wird im benachbarten Dorf Spantekow der Sohn des dortigen Pfarrers geboren, Johann Christoph Adelung, der ein so berühmter Sprachforscher wurde, dass man ihm die kommunikative Brücke  zu den vier damals Mohren genannten Afrikanern hätte zutrauen können. Das Wort ‚Mohr‘ ist übrigens kolonial unbelastet und eher biedermeierlich zu verstehen. Es leitet sich von den Mauren her, die den arabisch-saharischen Baustil in Spanien und auf Sizilien mitbrachten. Heute erinnert nur noch das einzige Land der Welt an sie, Mauretanien, in dem es zwar offiziell keine, aber inoffiziell sehr wohl noch atavistische Sklaverei gibt und die Menschen in die hellhäutigen Araber-Berber (Bidhan) und die dunkelhäutigen, schwarzafrikanischen Sklaven (Soudan) eingeteilt werden. Auch in Libyen gibt es, allerdings wegen seiner herausgehobenen Stellung als erstes Transitland, neu aufgelebte Formen des segregationistischen Sklavenhandels.

Diese Seite der Migration, die das Leid des Zurücklassens, der Unangepasstheit, der Fremdheit und des Heimwehs meint, findet sich meisterlich beschrieben in Joseph Roths Roman ‚Hiob‘. Wie dem biblischen Hiob wird Mendel Singer alles genommen, als er nach Amerika geht, aber er übersieht, dass er Lockungen gefolgt ist und sich über Warnungen und Bindungen hinweggesetzt und insofern selbst den ersten Impuls zu seinem namenlosen Leid gegeben hat. Seine Frau stirbt im Gram über den Tod des Sohns in russischen Diensten, der die Leichtigkeit des Soldatenlebens verkörperte, Alkohol, Prostitution und verlorenes Geld. Die Tochter kann ihre Männertollheit nun ausleben, gibt aber darüber ihren ohnehin schon verkümmerten Geist auf. Und wie beim biblischen Hiob gibt es eine Wendung zum Guten: der kranke und behinderte, in Russland gegen den Rat des Rabbiners zurückgelassene Sohn Menuhin taucht als Musikgenie auf, wie um den sterbenden Vater zu trösten. Der Vater hatte all dieses Leid kausal der Migration zugeordnet, nicht eigentlich seinem Leben. Darin gleicht er, und deshalb hat der große Erzähler diesen Titel gewählt, dem biblischen Hiob und sovielen unserer Zeitgenossen.

Wir können nur hoffen, dass sich jemand fand, die sterbenden afrikanischen Helden im Dorfe Putzar in Vorpommern zu trösten. Ich vermute beinahe, dass es niemand war, dass man stattdessen aufatmete, die sinistren Fremden endlich los zu sein, die nichts als eine Marotte des großen Herrn waren. Wegen dieser zu Absonderlichkeiten und auch zu Grausamkeiten neigenden Art der Feudalherren verstehe ich bis heute nicht, warum die Menschen, die an einen personalen oder zumindest anthropomorphen Gott glauben, diesen ‚Herr‘ nennen, König, Lord of Lords, Herrscher gar der himmlischen HEERscharen und dergleichen. Ich verstehe es nicht.  Eine Marotte des wahrlich großen, ebenso skurrilen wie genialen Herrn war auch die afrikanische Geliebte, Machbuba, des weltberühmten Fürsten zu Pückler-Muskau, die seine Liebe nur drei Jahre ertragen konnte und dann an dem Gram darüber starb. Das sind die Kehrseiten. Vielleicht reagieren wir demnächst wenigstens der Verzweiflung gegenüber milder.

Der fünfte Afrikaner, der je nach Putzar kam, hörte sich diese Geschichten alle an. Die heutigen Afrikaner staunen über das Alter der europäischen Gebäude. Wenn sie wüssten, wie harsch der große, aber blasse Philosoph Hegel, der den Weltgeist und den Fortschritt erfand, über diese Gebäudelosigkeit in Afrika urteilte, ‚Afrika hat keine Geschichte‘, dann würden noch weniger ihre eigene große Geschichte verstehen. Der fünfte Afrikaner von Putzar kommt aus einer Kultur mit mindestens zweieinhalbtausendjähriger Geschichte, die ersten Christen seines Landes stehen in der Bibel*. Aber an diesem vielleicht letzten Spätsommertag des Jahres genoss er einfach seine Berufung als Model und ließ sich gerne fotografieren. Die Herkulesse nahm er gelassen hin, staunte nur über ihr Alter.

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Zwischen den beiden, durch 300 Jahre geschiedenen Afrikanern hängt ein Zettel, der den ganzen Jammer unserer heutigen Kultur zeigt**. Auf dem Zettel, der an eine historische Holzsäule gepinnt ist, steht, dass der Besucher bitte eine Spende für den Erhalt der Kirche geben soll. Die Kirche wurde mehrmals von den Patronen, den adligen und steinreichen Besitzern des Dorfes und des Landes ringsum gebaut, renoviert und mit teils kostbaren Ausstattungsstücken versehen, darunter die exotischen Mohren, aber auch die Trägerfiguren des Sarkophags, Epithaphien, die Kassettendecke, Gemälde, Gold, Silber, Edelstein, alles vom Feinsten. Die heutige Kirchenorganisation verfügt über Milliarden und Abermilliarden. Allein von den deutschen Bischofsgehältern eines Monats könnte man zwanzig nubische Dörfer ein ganzes Jahr lang ernähren. Zum Erhalt besonders wertvoller Kunstdenkmale gibt es die Deutsche Stiftung Denkmalpflege, die Millionen ausschüttet. Aus Steuermitteln und Sparkassengewinnen, von privaten Großspendern und nicht zuletzt von den adligen Ehemalspatronen fließen ebenfalls beträchtliche Summen. Aber die deutsche Konsumseele, nie zu faul, den Kapitalismus als böse Geißel der Menschheit zu beklagen, entblödet sich nicht, überall, ungeachtet des kunsthistorischen Wertes, Zettel anzupinnen, auf denen steht, dass es auf deinen Groschen ankommt. War es nicht Yesus, der die Händler aus dem Tempel vertrieb***? Ich meine das nicht als Kirchenkritik. Die Kirche muss man nicht kritisieren, die zerlegt sich von selbst, indem sie einerseits das Rollenspiel der Staatskirche ad absurdum führt, andererseits weiter und immer weiter die ehemaligen Groschen der einstmals Armen einsammelt.

Ich meine das als Kritik an uns allen, an einer Gesellschaft, die ihre Talente nicht als Leuchttürme versteht, sondern überall daraus tiefe Tränenteiche und Jammertäler macht. Das Jammern wird zur Nationalhymne auf angepinnten Zetteln. Dieses Land schwimmt in Geld und Zeit, Überfluss jagt Überfluss, verbleibt aber im infantilen Zustand des Kohlrübenwinters. Dreiundzwanzig Millionen Rentner rasen jeden Freitagnachmittag mit ihren Mercedessen in die Kaufländer, der Rest bestellt bei Amazon und lässt von Hermes, DHL und DPD liefern. Was früher die Volksparteien waren, sind heute die Lieferdienste und Paketboten: die gute Botschaft dieselt durchs Land. Parteien plakatieren das Elend, das nur sie bekämpfen können. Tatsächlich werden allein in Deutschland jährlich 14 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.

Zum Glück verstehen die Neubürger die Wahlplakate und Manifeste noch nicht so genau. Sie wüssten nicht, worüber sie jammern sollten. Ihre Partei, wenn sie eine hätten, wäre einfach nur dankbar. Vielleicht ist das sogar der tiefe Sinn der Migration: dass die Sesshaften die Dankbarkeit neu lernen. Du musst dich nicht bedanken, sagte der Hausbesitzer zu dem Hausbesetzer, du bist doch das Geschenk.

Die Welt des Schwerinswinkels, die vorpommerschen Güter, Schlösser, Kirchen und Dörfer, die den Grafen von Schwerin gehörten, mag in der alten Form untergegangen sein. Wer aber den Weg dorthin findet, findet Juwelen, Kostbarkeiten, Leuchttürme der Schönheit, der Exotik, der Ruhe, des Friedens, der unberührten Natur. Auch die Gerechtigkeit muss man mehr in den Herzen suchen, und nicht auf den Kontoauszügen oder Wahlplakaten.

*Apostelgeschichte 8,26-40

**der Zettel war also nicht zufällig auf das ansonsten gestellte und zugeschnittene Foto geraten

***Johannes 2,16

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