EINE KIRCHE IN DEUTSCHLAND

 

 

Nr. 305

 

Auf dem höchsten Punkt von Berlin, zugegeben, dass der nicht sehr hoch ist, steht eine weithin strahlende Kirche. Sie ist ausnahmsweise nicht nach Osten ausgerichtet. Wenn man näher kommt, sieht man, dass das mächtige und schöne Symbol sich in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet, eine Schande für die Kirchengemeinde, den Kirchenverbund und vor allem auch für die Stadt ist. Das Schicksal dieses Gebäudes ist so sehr mit Deutschland verknüpft, dass es hier erzählt werden soll.

Für die preußischen Könige und deutschen Kaiser waren Kriege genauso natürlich und gottgegeben wie ihre eigene Existenz. Sie hatten Rousseau nicht gelesen und hielten ihn vielleicht sogar für einen Ketzer. Wilhelm I., der letzte preußische König und erste deutsche Kaiser hatte schon als Prinz (‚Kartätschenprinz‘) einen schlechten Ruf. Das Kneipenlied ‚Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder habn…‘ meint ihn. Nach der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sehnten sich die Menschen nach Demokratie, Freiheit und Menschenwürde. Und obwohl diese Sehnsucht keine Gewalttaten rechtfertigt, gab es in Europa damals viele Terrorakte gegen selbstherrliche Monarchen. Wilhelm I. spendete immer dann Geld, wenn er solch einem Attentat lebend entkommen war oder weil seine Armeen in einem der Kriege gegen Österreich, Dänemark und Frankreich gewonnen hatten. Schon allein diese Verknüpfung von Krieg und Kirche ist unerträglich. Aber der verstärkte Kirchenbau hatte noch andere Quellen, vor allem den enormen Bevölkerungszuwachs. Berlin wurde erst jetzt zu einer Millionenstadt. Die damalige Staatskirche glaubte allerdings auch, dass die Armut dieser neuen Bevölkerung durch ihren Mangel an Glauben entstanden sei. So schrieb es Johann Hinrich Wichern in seinem berühmten Manifest, das fast zeitgleich mit dem noch berühmteren von Karl Marx erschien. Der schlug allerdings vor, den Kapitalismus durch eine Revolution zu stürzen. Etwa zu dem Zeitpunkt, als diese Kirche gebaut wurde, las man in Europa Nietzsche, um ihn gründlichst falsch zu verstehen: denn er erörterte, dass die christliche Moral sich von innen ausgehöhlt hätte, dass es zu einer Umwertung aller Werte kommen würde und dass wir einer neuen Kultur bedürfen.

In diesem Bauboom, der auch Kirchen umfasste, strebte ein junger Architekt nach oben, und es gelang ihm auch binnen kürzester Zeit sowohl ins Stadtbild als auch ins Lexikon zu gelangen: August Orth. In dieser, seiner ersten Kirche entwickelte er eine  höchst erstaunliche Theorie und Praxis des Tons und des Lichts, aber auch der Unterbringung von sehr vielen Menschen auf engstem Raum. Damit ist er ein Fortsetzer der besten Schinkel- und Stüler-Traditionen in Berlin und Brandenburg. Äußerlich wurde die Kirche, entgegen dem Glaubensgrundsatz der Ostausrichtung, in die neu entstandenen Sichtachsen der Berliner Mitte gestellt. Ihre neoromanischen Formen, ihr hoher und offener Turm und die grazile Wucht ihres Schiffs versprechen, was sie im Inneren auch halten: akustische und optische Transparenz. Die vollständig umlaufende Empore bietet vielen Menschen Platz, lässt aber erstaunlich viel Raum für das von allen Seiten eindringende Licht. So gesehen ist die Kirche eine architektonische Umsetzung des Satzes: ‚und die Klarheit des Herrn umleuchtete sie…‘ Die Akustik ist auf die frei stehende Kanzel ausgerichtet. Der zentrale Punkt des protestantischen Gottesdienstes ist die Predigt. Erst wir suchen eine konzertgerechte Akustik, aber die entsteht erst, so wollte es der Baumeister, wenn alle 1.500 Plätze besetzt sind.

Die Pracht dieser Kirche konnte nicht lange strahlen. Im ersten Weltkrieg ließ der Enkel des Kirchengründers, Kaiser Wilhelm II., die Glocken und die Orgelpfeifen nicht nur dieser Kirche einschmelzen. Die Monarchen und Militärs und Pfarrer zeigten ihren wahren Glauben. Nietzsche hatte gewarnt und mancher junge Soldat nahm die Warnung mit in sein Grab in Tannenberg oder Verdun.

1933 geschah der Kirche ein Wunder: ein junger Pfarrer übernahm den Konfirmandenunterricht, nachdem ein alter, wir können annehmen autoritärer Geistlicher bis zum körperlichen Zusammenbruch gescheitert war. Der junge Bonhoeffer kümmerte sich liebevoll um immerhin fünfzig Konfirmanden, die einfach nur Zuwendung haben wollten und nicht das autoritäre Gehabe einer Amtskirche und ihres zunehmend unfähigen Personals. Aber das Wunder ist nicht verstanden worden. Man ließ Bonhoeffer nicht nur wieder gehen, sondern man ließ ihn in die Fangarme des Nationalsozialismus laufen. Statt damals auf ihn zu hören und zu sehen, überließ man ihn seinen Mördern. Heute, wo es zu spät ist, wird er kultisch verehrt. Aber immer noch nicht verstanden ist sein Wirken in dieser Kirche: wer Menschen helfen will, muss sich ihnen zuwenden.

Der zweite Weltkrieg zerstörte diese Kirche weitgehend. Andere Bauten August Orths sind unwiederbringlich verloren: der Görlitzer Bahnhof, die Dankeskirche auf dem Weddingplatz (auch sie ein Votivbau wie der Name sagt), die Himmelfahrtskirche am Humboldthain, die Emmauskirche, die teilweise erhalten ist. Seine schönen Bauten sind Opfer der Falschheit ihrer Begründer geworden. Obwohl Orth schon zu Lebzeiten ein berühmter Architekt war, soll er nicht immer große Aufträge gehabt haben. Seine Verbindung mit dem Eisenbahnmagnaten Bethel Henry Strousberg, dem Auftraggeber des Görlitzer Bahnhofs, verdankt Orth sein Interesse für die Bahn, und wir verdanken Orth die geniale Idee der Ringbahn in Berlin, die er in einem Buch, in dem er seine Idee entwickelt, noch Zentralbahn nennt. Das Nahverkehrssystem von Berlin war hundert Jahre lang ein Vorbild für die Welt. Ein zweites Buch von ihm befasst sich mit der Akustik großer Räume und man kann annehmen, dass es Scharoun*, der in seiner unfassbaren Raumfantasie ein direkter Orth-Erbe ist, und andere bedeutende Architekten gelesen haben.

Seit dem zweiten Weltkrieg ist aus dem architektonischen Kleinod eine Kummerkammer geworden. Die Schäden wurden nur notdürftig ausgebessert. Der große Raum wurde nicht mehr gebraucht. Das Erbe wurde verschleudert, das Alibi dazu lieferte der ungeliebte Staat. Das ging vierzig Jahre so. Aber dann passierte wieder ein Wunder. gerade auch** von dieser Kirche und ihrer jungen Gemeinde gingen Signale zum  Sturz des ungeliebten Staates aus. In den Gemeinderäumen dieser Kirche war die vom Staat verfolgte Umweltbibliothek, in der Kirche selbst gab es einen Überfall der Staatssicherheit, der durch Skinhead-Neonazi-Verkleidung allzu durchsichtig verfremdet worden war.

Aber auch dieses Signal wurde nicht gehört. Weitere dreißig Jahre mussten vergehen, bis ein Bürgerverein das wahre Potenzial dieses wertvollen und symbolträchtigen Hauses verstand. Nun soll die Kirche endlich aufwändig restauriert und mit einer Zukunftsorgel ausgestattet werden. Das wird eine historische Genugtuung und ein architektonisch-akustisches Glanzlicht der Weltstadt Berlin.

 

 

 

* Philharmonie Berlin, Theater Wolfsburg

**wie auch von der Gethsemanekirche, ebenfalls ein Bau von August Orth, und der Samariterkirche in Friedrichshain

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